Extraordinaire! Unbekannte Werke aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900

11. Oktober 2018 bis 20. Januar 2019

Ausstellungsflyer

Vom 11. Oktober 2018 bis 20. Januar 2019 ist in der Sammlung Prinzhorn die Wanderausstellung „Extraordinaire!“ zu Gast. Sie gibt mit rund 160 Exponaten einen Einblick in das faszinierende Kunstschaffen Schweizer Anstaltspatient*innen um 1900. Und sie stellt ein ungewöhnliches Forschungsprojekt vor, das dazu anregen soll, nach weiteren Werken zu forschen. Denn bis heute schlummern noch viele künstlerische Arbeiten in historischen Krankenakten.


Das künstlerische Schaffen von Anstaltsinsass*innen um 1900 stößt zunehmend auf öffentliches Interesse, dabei ist bis heute nur ein kleiner Teil der damals entstandenen Werke gesichtet. In einem einzigartigen Forschungsprojekt der Zürcher Hochschule der Künste wurden von 2006 bis 2014, gefördert vom Schweizer Nationalfonds, die zwischen 1850 und 1930 in Psychiatrien der Schweiz entstandenen Werke erstmals in einer Bilddatenbank erfasst. In den historischen Anstaltsarchiven fanden sich Zeichnungen von Männern und Frauen, die den Patientenakten beigelegt worden waren. Doch manche Konvolute wurden auch außerhalb der Archive in Schränken und auf Dachböden entdeckt. In den letzten Jahren sind viele historische Archive dem Staatsarchiv des jeweiligen Kantons übergeben worden. Die Werke in den Krankenakten bleiben weiterhin Bestandteil der Akten und sind daher nur schwer zugänglich. Trotz dieser Schwierigkeiten ist eine Auswahl des neu Entdeckten nun erstmals in einer Wanderausstellung zu sehen. Sie gibt Einblick in dieses ungewöhnliche Kunstschaffen und stellt zugleich das Forschungsprojekt als ein Beispiel vor, das zur Nachahmung anregen soll: Denn nicht nur wurde um 1900 in fast allen europäischen Anstalten künstlerisch gearbeitet. Die entstandenen Werke wurden auch gesammelt, und diese Bestände haben sich möglicherweise erhalten. Somit könnten tausende weitere Werke aufgefunden und gesichert werden.


Kunst von Schweizer Patient*innen

Die Ausstellung ist gegliedert nach den Anstalten, aus denen die Werke stammen. Zu sehen sind Zeichnungen und einige wenige Skulpturen, darunter große Schiffsmodelle aus Holz und gehäkelte Flugkörper. Die Anstaltsinsass*innen schufen ihre Werke mit Hingabe sowie großer technischer und fachlicher Kompetenz. Sie verstanden sie als Beitrag zum öffentlichen Leben, als Erfindung oder
Ausdruck eines Gedankengebäudes, als Kritik an der Anstalt oder Bereicherung in ihrem eintönigen Alltag. Dabei reflektieren sie in ihrem künstlerischen Schaffen zugleich ihre Situation: als geisteskrank bezeichnet, interniert und von der Öffentlichkeit abgeschnitten zu sein. Deshalb stellen die Arbeiten kostbare, weil äußerst seltene Zeugnisse der Sicht Betroffener dazu dar, was es um 1900 bedeutete, als «nicht normal» zu gelten und von der Öffentlichkeit ausgeschlossen zu sein. Durch ihre Werke kommen die Künstler*innen nun, mit vielen Jahren Verspätung, zu Wort und bereichern das Kunstschaffen der Jahrhundertwende um eine neue Perspektive.

Die Ausstellung wandert durch drei Institutionen und drei Länder. Sie ist im Anschluss an ihre Station in Heidelberg vom 9. Februar bis 19. Mai 2019 im Kunstmuseum Thun und vom 8. Juni bis 18. August 2019 im LENTOS Kunstmuseum in Linz zu sehen.


In Kooperation mit

            


Gefördert durch

 

     

 

Unterstützt von

        Familie Fuchs, Mannheim

 

Bilder:

Heinrich L., Zeichenheft, undatiert, Ölfarben auf Papier, Sammlung Breitenau, Inv. Nr. 105, S. 3, © StASH DJ 39/5427
Albert W., ohne Titel,[Stiefmütterchen], undatiert, Farbstift auf Papier undatiert © Sammlung Wil, StASG A
541/1.2.7333
Gertrud Schwyzer, ohne Titel, Ärmel und schwarze Handschuhe, undatiert, Wasserfarbe, Bleistift auf festem Papier © Sammlung Herisau Appenzell/AR, KB-018299/S1
Theodor K., Schiff mit Entenkopf, Holzkonstruktion, um 1940, Sammlung Königsfelden, Inv. Nr. 396 © PDAG, Windisch