100 Jahre Bildnerei der Geisteskranken

Vor 100 Jahren hat Hans Prinzhorn seine Studie Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung veröffentlicht. In dem Buch wertete er die Studiensammlung von Anstaltskunst aus, die wir heute „Sammlung Prinzhorn“ nennen und die er während seiner Zeit als Assistenzarzt an der Heidelberger Psychiatrie von 1919 bis 1921 zusammengetragen hatte. Dabei sprach er – anders als von der Fachwelt erwartet – den Bildnereien diagnostischen Nutzen ab und stellte stattdessen die ästhetische Qualität der Werke in den Vordergrund. Mit seiner Idealisierung der Patienten-Werke zum Ausdruck einer unverfälschten, urtümlichen Kreativität traf der Psychiater und Kunsthistoriker einen Nerv der Zeit. Das Buch stieß auf großes Interesse bei Künstler*innen und Kunstinteressierten und machte die Sammlung weit über die Grenzen Deutschlands bekannt.

2022 führen wir Prinzhorns Arbeit fort und rücken zwei Künstler*innen der Sammlung in den Fokus, für die Prinzhorn Einzelveröffentlichungen plante und nie realisierte: Else Blankenhorn und Heinrich Mebes. Und wir stellen Ihnen die aktuelle Forschung zu Hans Prinzhorn in einem Symposium vor. Zudem veröffentlichen wir, um die Resonanz des Buches sichtbar zu machen, mit einer Videoreihe Stimmen dazu von Psychiater*innen, Kunsthistoriker*innen und vielen anderen.

Wir freuen uns darauf, dieses Jubiläum mit Ihnen zu begehen!


Samstag, 9.4.2022, 10–17 Uhr / Stadtbücherei Heidelberg

Aspekte von Leben und Werk Hans Prinzhorns

Symposium

Beiträge von Ingrid von Beyme (Kuratorin der Sammlung Prinzhorn), Bettina Brand-Claussen (ehemalige Kuratorin der Sammlung Prinzhorn), Charlie English (Journalist und Autor des Buches The Gallery of Miracles and Madness. Insanity, Art and Hitler’s First Mass-Murder Programme, [2021]), Maike Rotzoll (Medizinhistorikerin), Raimund Rumpeltes (Psychoanalytiker) und Thomas Röske (Leiter der Sammlung Prinzhorn) geben Einblick in die aktuelle Forschung rund um Hans Prinzhorn und sein Buch, das bis heute ein Klassiker geblieben ist. Die Vorträge bereiten eine Aufsatzpublikation zu Prinzhorn vor, die 2023 erscheinen soll.

Zum Programm >>>

Eintritt frei! Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, eine Anmeldung per Email an shopprinzhorn.zpm@med.uni-heidelberg.de ist erforderlich. Zutritt mit medizinischer Maske und ohne Nachweis.

Ort: Stadtbücherei Heidelberg
Hilde-Domin-Saal
Poststr. 5
69115 Heidelberg
Anfahrt

In Kooperation mit der Stadtbücherei Heidelberg und unterstützt von den Freunden der Sammlung Prinzhorn e. V. sowie vom Institut für Psychoanalyse Heidelberg der DPG (IPHD)

Bild: Hans Prinzhorn, Fotografie um 1925 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg 


Lebensrichtigkeit und Symbolation. Heinrich Herrmann Mebes – das Gesamtwerk

Publikation

Zu den Kostbarkeiten der Sammlung Prinzhorn gehören die illustrierten Bücher des ehemaligen Uhrmachers Heinrich Mebes (1842–1918). In Staunen versetzen deren fein geschriebene Texte und detaillierte symbolische Bilder, die wie eigensinnige Fortführungen mittelalterlicher oder barocker illuminierter Handschriften wirken. Bisher waren nur einzelne Blätter oder Doppelseiten seiner fünf erhaltenen Bücher in Ausstellungen und Publikationen zu sehen. Nun wird ein Band mit über 450 Seiten das Gesamtwerk des Künstlers erstmals einem größeren Publikum zugänglich machen. Dazu haben wir sämtliche, in altdeutscher Kurrentschrift abgefasste Texte transkribiert und, soweit möglich, den Büchern entnommene Einzelblätter zurückgeordnet. Die Monografie im Querformat, die auch eine ausführliche Biografie und eine wissenschaftliche Einleitung enthält, soll im August 2022 im Verlag Das Wunderhorn erscheinen.

Unterstützt von der Ernst von Siemens Kunststiftung

Bild: Illustrierte Bücher von Heinrich Mebes © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


15.9.2022–22.1.2023 

„Das Gedankenleben ist doch wirklich“
Else Blankenhorn – eine Retrospektive

Sonderausstellung

Else Blankenhorn (1873–1920) ist die einzige Frau, der Hans Prinzhorn ein Kapitel in seiner Bildnerei der Geisteskranken widmen wollte. Doch weder hierzu noch zu einer geplanten Monografie kam es. Heute gilt sie als heimlicher Star der Sammlung, denn seit 1929 war sie in 94 Ausstellungen vertreten. In der Retrospektive werden rund 150 Exponate aus verschiedenen Themenbereichen zu sehen sein, mit denen wir die expressive, farbintensive Vielfalt ihrer Bildwelten vorstellen. Einen Schwerpunkt bildet die Vielzahl von Geldscheinen, die Blankenhorn produzierte, um die Auferstehung und Versorgung von begrabenen Liebespaaren zu finanzieren. Diese karitative Aufgabe meinte sie von Kaiser Wilhelm II., ihrem „Gatten im Geiste“, erhalten zu haben.

Unterstützt von der Ernst von Siemens Kunststiftung

Bild: ELSE BLANKENHORN, „100000 Milliarden / Edle Freundschaft / der ganzen Erde / in treuer Eheliebe / Pflichtteueliebe / Wilhelm Else Berta Else.“, vor 1920, Aquarell © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


Die Bildnerei & ich. Kommentare zu Prinzhorns Buch

Videoreihe

Hans Prinzhorns Bildnerei der Geisteskranken beeindruckte zahlreiche Künstler*innen, Psychiater*innen, Kunsthistoriker*innen, Journalist*innen und viele andere. Es hat Werke von Psychiatrieerfahrenen für eine größere Öffentlichkeit im In- und Ausland erstmals sichtbar gemacht und schließlich zur Einrichtung eines Museums geführt, an dem sich heute andere Häuser orientieren, die sich mit Outsider Art befassen. Das Buch hat Kunstschaffende mit Kunst aus der Psychiatrie vertraut gemacht und zu künstlerischen Reaktionen angeregt. Und es inspirierte Psychiater*innen und andere dazu, ebenfalls Kunst aus psychiatrischem Kontext ästhetisch wertzuschätzen und zu sammeln. In unserer Videoreihe kommen Leser*innen der Bildnerei der Geisteskranken mit persönlichen Kommentaren zu Wort. Die Reihe startet Ende März auf unseren Social Media-Kanälen und auf unserer Webseite.

Zu unserem Youtube-Kanal>>>

Unterstützt von den Freunden der Sammlung Prinzhorn e.V.


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