Zwei frühe Zeichnungen Adolf Wölflis (1904 und 1905)

Die zwei großen Bleistiftzeichnungen aus den Jahren 1904 und 1905 sind Frühwerke des Patientenkünstler Adolf Wölfli (1865–1930). Er war von 1893 bis zu seinem Tod Patient der Anstalt Waldau bei Bern. Bekannt wurde er 1921 durch die Monografie seines Psychiaters Walter Morgenthaler „Ein Geisteskranker als Künstler“. Nachdem Jean Dubuffet Wölfli in der „Compagnie de l`art brut“ in Paris ausstellte und Harald Szeemann seine Zelle auf der documenta 5 nachbaute, gilt er heute als berühmtester „Klassiker“ der Art brut oder Outsider Art.

„Ramonion=Schlange und Vigger.“ (1904) und „Braut Ring“ (1905)
Diese großformatigen Zeichnungen (75 x 100 cm) gehören zum ersten Werkkomplex Wölflis. 53 Blätter füllte der Künstler mit Bleistift auf Makulaturpapier bis zum Rand aus. Die Kompositionen enthalten fast schon das gesamte auch später verwendete Vokabular des Künstlers: figurative Elemente, Ornamente, Schrift und (jeweils sechs) Notenlinien – nur tragen letztere noch keine Notationen von Märschen und Ländlern wie später. Wölfli beschrieb diese Blätter als «musikalische Kompositionen».

Werke Wölflis in der Sammlung Prinzhorn
Wölflis Hauptwerk sind mehrere selbstgefertigte umfangreiche Bücher mit hunderten Illustrationen, heute nahezu komplett im Besitz der Adolf Wölfli-Stiftung im Kunstmuseum Bern. Daneben gibt es eine Vielzahl von farbigen Einzelblättern, meist kleineren Formats, die Wölfli selbst „Brotkunst“ nannte und gegen Malmittel oder Kautabak tauschte. Auch Hans Prinzhorn erhielt 1919 fünf dieser  Blätter, die bis heute Teil der Sammlung sind. Eines der kleinen Brotkunst-Blätter bildete Hans Prinzhorn in seinem Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922) ab. Die zwei Großformate waren seit 2004 als Leihgabe des Potsdamer Fraenger-Instituts in unserer Sammlung und bereits mehrfach hier und andernorts gezeigt worden. Ein Blatt kaufte die Ernst von Siemens Kunststiftung und stellte es als Dauerleihgabe zur Verfügung, das andere wurde mit Unterstützung der Kunststiftung der Länder, der Stadt Heidelberg und privater Spender 2012 erworben. Die Bleistiftzeichnungen gehörten ehemals Prinzhorn selbst. Später schenkte er sie dem befreundeten Heidelberger Kunsthistoriker und Volkskundler Wilhelm Fraenger (1890–1964). In den erhaltenen originalen Holzrahmen hingen sie über Jahrzehnte in dessen Arbeitszimmer, wo Licht und Zigarettenrauch sie bräunlich verfärbten. Bald nach Aufnahme in die Heidelberger Sammlung stellte eine eingehende Restaurierung die ursprüngliche Erscheinung annähernd wieder her.

Bilder:

Adolf Wölfli, „Braut Ring“, 1905, Bleistift auf unbedrucktem Zeitungspapier, Inv.Nr. D 4863/1 (2004) c Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Adolf Wölfli, „Ramonion=Schlange und Vigger.“, 1904, Bleistift auf unbedrucktem Zeitungspapier, Inv.Nr. D 4863/2 (2004) c Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung