Preziose der Woche

Jane Grier («Miss G.»), ein besticktes Taschentuch von 1892


Eine weitere textile Ikone unserer Sammlung ist das Taschentuch von Jane Grier. Das Herrentaschentuch ist über und über mit Garnen bestickt. In allen vier Ecken sind Wortstickereien angebracht:
„Dresden.– Vergiß mein nicht – Dr.W.“
„Forget me not – G.”
“Herr Dr. Willführ – from Miss Grier”

In der Nähe eines mit einem dicken roten Fadenbündel geformten Herzens lässt sich zusätzlich eine Datierung entziffern: „Souvenir tears –Nov 16 1892."

Das Taschentuch gehört zu den ersten Werken, die in unsere Sammlung kamen. Es war Teil der kleinen Lehrsammlung, die Hans Prinzhorn vorfand, als er 1919 als Assistenzarzt an die Heidelberger Psychiatrie kam. Emil Kreapelin stellte es 1913 in seinem Psychiatrie-Lehrbuch als „Beispiel für die eigenartigen Kunstwerke“ einer an Dementia praecox Erkrankten vor. Seit 1980 wurde es immer wieder ausgestellt, u.a. in Basel, London, Charleroi, Paris, Wien.


Das Pseudonym Miss G. konnte erst vor Kurzem entschlüsselt werden
Noch bis vor wenigen Monaten wussten wir über die Stickerin so gut wie nichts, sie war nicht in Prinzhorns Inventar verzeichnet und wurde lediglich als „Miss G.“ geführt. Ihre Signatur auf dem Taschentuch war nur schwer zu entziffern, eine Vermutung war „Miss Grier“. Dieser Name konnte nun durch neueste Recherchen im Hauptstaatsarchiv Dresden bestätigt werden: Es handelt sich um Jane Grier, eine in Irland geborene, im Dresdener Hotel „Zu den Vier Jahreszeiten“ mit Mutter und Schwester lebende, ledige Gouvernante und Gesellschafterin, deren Vater als Marinearzt nach Australien ausgewandert war. Sie selbst hatte auch größere Reisen unternommen.

Im August 1892 begann Jane Grier sich beobachtet zu fühlen, war erregt, kleidete sich ungewöhnlich und benahm sich so auffällig und moralisch anstößig, dass die Familie sie der Irrenanstalt in Dresden übergab. Von Oktober 1892 bis Mai 1893 war Grier in der Anstalt Pirna-Sonnenstein untergebracht. Laut Krankenakte drängte sie sich dort in erotischer Weise Ärzten auf und entblößte sich.

Die Stickerei gerät außer Rand und Band
Jane Grier umgarnte mit ihrer Stickerei Dr. Willführ, einen in der Dresdner Irrenanstalt arbeitenden Hilfsarzt. „Vergiß mein nicht – Forget me not“, bittet sie gleich zweisprachig ihren Arzt und bestickt das Gedenktuch mit „Tränen der Erinnerung“. Dabei schießt Miss G. über ihr Ziel hinaus: Was als sorgfältige Stickerei geplant war – Vorzeichnungen mit Bleistift bezeugen dies – und wohl als Geschenk für den umschwärmten Arzt gedacht, lief aus dem Ruder. Ganze Fadenbündel und -knäuel überwuchern das Taschentuch in roten, grünen und ockerfarbenen Garnschlingen zu einem unübersichtlichen Dickicht der Erinnerung.

Auf die Anfrage des Hotelbesitzers, ob Miss Grier wieder im Hotel wohnen könne, antwortete die Anstalt, dass sie geisteskrank, aber nicht gemeingefährlich sei, jedoch zu Reinlichkeit, Ordnung und Anstand angehalten und von Herren zurückgehalten werden müsse.
Jane Grier kam am 23. Mai 1893 in das Städtische Versorgungshaus Dresden. Danach verliert sich ihre Spur.

Bilder 1-3: Jane Grier («Miss G.»), „Vergiß mein nicht“, 16.11.1892, Stickgarn auf einem Leinentaschentuch, Inv. Nr. 6053 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Bild 2: Detailansicht „Souvenir tears –Nov 16 1892."

Bild 3: Detailansicht “Herr Dr. Willführ – from Miss Grier”