Schweißbilder von Millionenwert von Carl Lange (um 1900)

Die Zeichnung, von der wir den Titel unserer Ausstellung entlehnt haben, wurde von dem Kaufmann Carl Lange (1852–1916) um 1900 in der Anstalt Hubertusburg angefertigt. Ihre Überschrift lautet: «Ein mehrfacher Millionenwerth. Die photographisch nachweisbaren, ineinanderliegenden, ein fünfzehnjähriges Verbrechen enthüllenden Wunderbilder in der Schuheinlegesohle des Geopferten». Die aneinandergreihten Bilder in halbrunden Bildfeldern sind also Schuheinlegesohlen, die figurativen Bilder darin aber hat Lange in den Schweißflecken darauf gesehen. Offenbar wandelten sie sich; die Reihe der Bilder erscheint fast wie eine Folge von Filmstills.

Schweiß als Bildmittel ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Lange dachte sicherlich an Vera Ikon genannte Abbildungen aus christlicher Tradition, wie das Schweißtuch der Veronika oder das Turiner Grabtuch. Damit wird zugleich klar, dass auch Langes Schweiß ein besonderer ist, der den Transpirierenden heiligt. Nicht zuletzt deshalb erkennt er Offenbarungen in den Wunderbildern. Diese scheinen ihm so real, dass er meint, sie fotografieren zu können. Da ihm jedoch eine Kamera fehlte, zeichnete er sie mit Bleistift nach.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung hatte Carl Lange zunächst in Danzig, später in Hamburg gearbeitet. Unzufrieden mit seiner Stellung ging er 1875 nach Bordeaux, 1876 nach New York. Später versuchte er sein Glück in Mexiko, wo er die politischen Missstände bald scharf kritisierte. 1882 erschien ihm Gott und sagte ihm, dass er Christus sei. Lange sah sich nun als göttlich berufener Reformator des mexikanischen Volkes. Zum Verfassen und Verbreiten „revolutionärer Pamphlete und Artikel“ begab er sich nach San Antonio (Texas). Als er Briefe mit dem Foto eines Fleischstückes, das einem fratzenhaften Profil glich, mit der Aufschrift „Immortalidad“ an Staatshäupter verschicken wollte und ein Attentat auf den Präsidenten von Mexiko plante, wurde er von seinem Bruder in das New Yorker Bloomingdale Asylum eingewiesen. 1884 überstellte man ihn der Anstalt Allenberg, dann Görlitz. 1888 kam er in die Anstalt Schwetz, wo er 1916 an Lungenentzündung verstarb.

Lange fand sich nie mit der Diagnose Geisteskrankheit und seiner Hospitalisierung ab. Er verfasste eine Fülle von langen Briefen und Abhandlungen, um seine Sicht darzulegen und seine Freilassung zu fordern. Die Randzeichnungen bestehen aus ähnlichen komplexen Gesichten wie seine eigenständigen Blätter.

Bild: Carl Lange, "Ein mehrfacher Millionenwerth. Die photographisch nachweisbaren, ineinanderliegenden, ein fünfzehnjähriges Verbrechen enthüllenden Wunderbilder in der Schuheinlegesohle des Geopferten", um 1900, Inv.Nr. 99 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg