Preziose der Woche

Das Jäckchen (1895) von Agnes Richter

Liebe Freund*innen unseres Museums,


schön, dass Sie hier sind und auf unserer Seite mitlesen. Heute startet unsere Reihe „Preziose der Woche“, in der wir Ihnen jeweils ein Werk unserer neuen Ausstellung „Ein mehrfacher Millionenwerth“ – Fragile Schätze der Sammlung Prinzhorn vorstellen. Wir beginnen mit einer der Ikonen unserer Sammlung – dem Jäckchen von Agnes Richter (1844–1918). Das mit der Hand aus grobem Leinen genähte Kleidungsstück von 1895 ist über und über mit einem Text aus farbigem Garn bestickt – sowohl auf der Innen- als auch auf der Außenseite. Für unsere Ausstellung haben wir eine neue Büste für das Jäckchen anfertigen lassen, es erwartet Sie im Zentrum der Ausstellung.


Ein angehängter Zettel aus der Anstalt
Als das Jäckchen das erste Mal präsentiert wurde, in der großen deutsch-schweizerischen Wanderausstellung der Sammlung der Jahre 1980/1981, gab es nur die Information dazu, die ein wohl vom betreuenden Arzt angehängter Zettel enthält: „Agnes Richter, 1895. Dem[entia] praec[ox]. Nähte in alle ihre Wäsche und Kleidungsstücke Erinnerungen aus ihrem Leben.“ Dies war also Richters eigenes Jäckchen und einmal Teil eines weit größeren Œuvres. Der auf die Jacke genähte Text in altdeutscher Kurrentschrift, am Korpus vor allem innen, an den Ärmeln außen angebracht, ist leider nur undeutlich gestickt und an vielen Stellen abgescheuert. Das meiste ist nicht lesbar. Zurückliegende Daten und persönliche Fürwörter, wie „ich“ oder „mich“, bestätigen allerdings, dass es sich um autobiographische Notate handelt.

Agnes Richter
Erst im Zuge der Vorbereitungen zur Ausstellung „irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900“ (2004), wurde die Krankenakte Richters aus der Anstalt Hubertusburg entdeckt. Richter war Näherin, kleinwüchsig und buckelig, waserklären mag, warum sie Anfang der 1890er Jahre noch allein in Dresden lebte. Sie war für acht Jahre in Amerika gewesen und hatte dort angeblich ein Vermögen angespart. Zurück in ihrer Heimat fürchtete sie, man wolle sie bestehlen. Mehrfach rief sie deshalb die Polizei ins Haus – bis die Beamten sie 1893 mitnahmen wegen Ruhestörung und Hausfriedensbruch. Sie blieb bis zu ihrem Tod in der Anstalt Hubertusburg.


Die Wäschenummer führte zu ihrer Identität
In der Krankenakte werden weder das Jäckchen noch andere bestickte Kleidungsstücke erwähnt, aber es findet sich darin ein Bogen mit der Nummer 583 am Kopf, die Richter mehrfach auf dem Textil angebracht hat: die Wäschenummer der Patientin, mit der sie sichergehen wollte, dass das Stück immer wieder zu ihr zurück kam. Es unterschied sich allerdings ohnehin stark von der üblichen Anstaltskleidung, und es erstaunt, dass man Richter gestattete, sich so individuell zu kleiden


Work in progress
Schaut man sich das Textil genauer an, erscheint es geradezu widersinnig gefertigt: Am Korpus zeigen die Nähte nach außen, und die Ärmel sind falsch herum angebracht, so dass sie nach hinten zeigen. Wollte die Schneiderin damit ihre „Verrücktheit“ zeigen? Da sich Verfärbungen durch Achselschweiß versetzt an Korpus und Ärmelansätzen finden, ist zu vermuten, dass Richter den Korpus erst später nach innen gewendet hat. So war der fertige Text nun zwar nicht mehr von außen lesbar, sie konnte aber beginnen, die neue Außenseite ebenfalls zu beschreiben – ein work in progress. Hier sind es jedoch nur wenige Zeilen. Richter hat das Jäckchen also wohl erst kurz vor ihrem Tod gewendet, dabei aus Versehen falsch zusammengenäht – und es dann vermutlich auch nicht mehr getragen.


Seit 1980 war das Jäckchen immer wieder ausgestellt, u.a. in Charleroi, Chicago, London und Lausanne. Über die Jahrzehnte ist der Stoff durch Alter und Lichteinwirkung brüchig geworden.

Bilder: Agnes Emma Richter, selbst genähtes und mit autobiographischen Texten besticktes Jäckchen, 1895, Inv.Nr. 743, Fotos 1&2: A. Conne, Foto 3&4: Universitätsklinikum Heidelberg