Preziose der Woche

Vexierbild Hexenkopf/Landschaft, (zwischen 1913-1917) von August Natterer

Diese Woche stellen wir Ihnen als weiteres Highlight unserer Sammlung das Vexierbild Hexenkopf/ Landschaft von August Natterer vor. Auf transparentem Papier ist eine Landschaft dargestellt, die gleichzeitig auch als Porträt einer Hexe gelesen werden kann. Ein großer See bildet das Gesicht der Hexe, ein Steg setzt wie ein Band das Gesicht vom Hals ab und eine Allee wird zur Krempe ihrer Haube. Trotz Kopfbedeckung sind auf dem Haupt die Schädelnähte des bloßen Knochens zu sehen – so wird die Hexe zu einer unheimlichen Gestalt zwischen Tod und Leben.

Einer von Prinzhorns 10 schizophrenen Meistern: Der Elektromechaniker August Natterer (1868-1933) 
In seinem Buch Bildnerei der Geisteskranken (1920) widmet Hans Prinzhorn einen von zehn monografischen Abschnitten August Natterer (Schornreute bei Ravensburg 1868–1933 Anstalt Rottenmünster bei Rottweil), einem Elektromechaniker aus Würzburg, der sich seit 1911 in gestochen scharfen und überraschend detaillierten Zeichnungen mit der Rekonstruktion einer Halluzination von 1907 beschäftigte. In dieser Himmelserscheinung oberhalb der Stuttgarter Rothebühl-Kaserne war eine Hexe von zentraler Bedeutung, in der Natterer die böse Weltschöpferin erkannte. Immer wieder stellte er in feinlinig ihren Schädel mit spitzer Nase, lückenhaftem Gebiss und glotzendem Auge im Profil dar.

Prinzhorn bildete einige dieser Zeichnungen ab, das größte und als einziges mehrfarbige Blatt aber nicht. Es wurde erst durch die große Wanderausstellung der Sammlung Prinzhorn in den Jahren 1980/1981 bekannt und bald zu einem der meistreproduzierten Werke des Fundus. Das Vexierspiel von Kopf und Landschaft faszinierte und ließ Vergleiche mit ähnlichen Bildern aus der Kunstgeschichte anstellen bis hin zu Arcimboldo. Die perspektivisch wiedergegebenen Gebäude um den See wurden teilweise identifiziert, so etwa links die katholische Kirche St. Jodok aus Natterers Heimatstadt Ravensburg und rechts die in maurischem Stil erbaute Tabakfabrik Jenidze aus Dresden. Offenbar nutzte der Zeichner verschiedene Vorlagen aus Büchern oder Zeitschriften zur Konstruktion seines Bildes.

Bei Beleuchtung erwacht die Hexe und es entsteht eine dritte Version des Bildes
Rätselhaft allerdings erschien die Rückseite des Blattes, auf der einige Details der Vorderseite wiederholt, ergänzt und teilweise mit Papieren überklebt sind. Psychiater wollten zunächst in dieser fragmentierten Version der Darstellung einen Ausdruck der Psychose erkennen. Dann aber erkannte eine Mitarbeiterin des Museums, dass Natterer eine Absicht mit seiner Präparierung verfolgt hatte. Der Elektromechaniker wollte ein Durchleuchtbild herstellen, das seine Erscheinung veränderte, wenn man dahinter ein Licht stellte. Dann nämlich sind die Fenster einiger Gebäude erleuchtet, im See erscheinen Fische und das blinde Auge der Hexe beginnt zu sehen.

Auf diese spielerische Weise lässt uns Natterer am Erstaunen über das „wunderbare“ Erscheinen von Bildern teilhaben. Die gewaltige Erschütterung, die ihn 1907 bei seiner Halluzination packte, so dass er bald darauf in die Psychiatrie eingeliefert wurde, bringt uns dieser „Trick“ allerdings kaum näher. 

Bilder: August Natterer, Vexierbild Hexenkopf/Landschaft, zwischen 1913-1917, Inv.Nr. 184 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

1 und 2: Detail - einmal ohne und einmal mit Licht von hinten

3 und 4: Die Hexe bei Tag (nicht beleuchtet) und die Hexe bei Nacht (beleuchtet)