Das Buch Franz Klebers

Texte in der Sammlung Prinzhorn
Ein großer Teil der in der Sammlung Prinzhorn verwahrten Werke enthält Text, entweder allein oder im Zusammenhang mit bildlichen Darstellungen. Letzteres wurde von Psychiatern wiederholt als Merkmal von Patientenkunst bezeichnet. Doch ist Kombination von Text und Bild sicherlich daraus zu erklären, dass die Autoren, zumeist künstlerische Laien, bei der Darstellung ihrer Anliegen weder dem einen noch dem anderen Medium allein vertrauten.

Franz Kleber (1843–1908)
In unserer neuen Ausstellung „Ein mehrfacher Millionenwerth“ sind 56 Hefte ausgestellt. Unter diesen sticht das selbstgefertigte Buch von Franz Kleber hervor, an dem der Regensburger Anstaltsinsasse neun Jahre lang, von 1898 bis zu seinem Tod, in mühseliger Detailarbeit gearbeitet hat. Der unehelich geborene Hausierer und Kolporteur hatte 1890 in der Münchner Michaelskirche Aufsehen erregt und war zunächst in die Kreisirrenanstalt der Stadt gebracht worden, ehe er nach Regensburg kam. Er halluzinierte, hörte Stimmen und meinte, sich in einer Seelenreinigungsanstalt zu befinden. In Klebers Kopf stritten sich die Stimmen seiner Mutter, König Ludwigs und Gottvaters darüber, wessen Kind er sei. In der Anstalt schrieb er zunächst Gebete und erfand Maschinen, u.a. ein Perpetuum mobile. Später formte er viele nützliche Gegenstände aus Fundmaterial.

Ein 60seitiges Buch aus ausgerissenen Zeitungstexten
Bei seinem Buch begann Kleber zunächst mit dem Herstellen der Seiten aus Marginalstreifen von Zeitungen. Hierauf setzte er seine Texte, für die er ebenfalls die Tagespresse heranzog. Er entnahm ihr Absätze, aber auch einzelne Wörter und sogar Buchstaben und setzte dieses Material neu zusammen. Da er offenbar keine Schere verwenden durfte, riss er alles aus, und da ihm auch Klebstoff versagt war, nutzte er stattdessen eingespeicheltes Brot. Die mühevolle kleinteilige Arbeit war auch deshalb nötig, weil Kleber in eigensinniger Schreibung hinter jeden Umlaut noch ein e einfügte.

Der Text selbst ist außerhalb der übernommenen Absätze schwer verständlich, kreist aber abschnittsweise um bestimmte Themen, wie die Todesstrafe oder den Wahnsinn. Noch wichtiger ist für uns heute die Botschaft des Buches an sich: Zweifellos nahm Kleber den ungeheuren Arbeitsaufwand ein „gedrucktes Buch“ zu erstellen auf sich, um sich einer anerkannten Würdeformel für Äußerungen zu bedienen, weil er mit seinen Texten auch außerhalb der Anstaltsmauern ernst genommen werden wollte.

Franz Kleber, selbstgefertigtes Buch, um 1899–1906, Pappe, Zeitung, Faden, Inv.Nr. 4903 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg