Digitales Angebot: Einblicke in die Dauerausstellung

Während der Corona-bedingten Schließzeit haben wir 5 Wochen lang an dieser Stelle jeden Montag ein weiteres Werk unserer Dauerausstellung vorgestellt. Die Reihe ist jetzt beendet. Wer mehr erfahren möchte, kann per Versand unsere neue Publikation "Einführung in die Sammlung Prinzhorn" erwerben, in der wir anhand prominenter Werke und Künstler der Sammlung wichtige, mit der Sammlung verknüpfte Themen vorstellen. Bestellungen bitte per E-Mail an shopprinzhorn.zpm@med.uni-heidelberg.de oder telefonisch unter(0) 6221 / 56 47 39.

Eine Einführung in die Sammlung Prinzhorn, hrsg. von Ingrid von Beyme und Thomas Röske, Heidelberg 2020, 80 Seiten, Euro 15,00 zzgl. Versandkosten


 

Selbstbildnis von Paul Goesch

Hans Prinzhorn wählte für sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ aus der Heidelberger Sammlung nur Patientenkünstler*innen ohne akademische Ausbildung. So fehlt darin neben anderen Paul Goesch, der in München, Dresden und Karlsruhe Architektur studiert hatte. Er war schon vor dem Ersten Weltkrieg mit einer Wandmalerei in Dresden-Laubegast hervorgetreten und danach als Mitglied der Gläsernen Kette, des Arbeitsrates für Kunst und der Novembergruppe kurzzeitig Teil der Berliner Avantgarde. Der eigenwillige Expressionist entwarf zahlreiche phantastische Architekturen, schuf aber auch viele freie Zeichnungen und Gouachen. In der Dauerausstellung ist er u.a. mit diesem Selbstbildnis vertreten. Unter den Nationalsozialist*innen wurden Blätter Goeschs aus der Kunsthalle Mannheim beschlagnahmt und aus der Sammlung der Heidelberger Psychiatrie (heute: Sammlung Prinzhorn) zu Vergleichszwecken für die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ (1937-1941) ausgeliehen. Ab 1938 waren Werke von ihm auf dieser Femeschau dann vermutlich von beiden Seiten vertreten, als Werke eines psychisch Kranken und als Werke eines modernen Künstlers, die es durch den Vergleich zu diffamieren galt. Am 6.9.1940 wurde Paul Goesch im alten Zuchthaus Brandenburg von nationalsozialistischen Ärzten ermordet.

Bild: Paul Goesch, Selbstbildnis, 14.3.1923, Inv. Nr. 1090/224 (2014) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Ohne Titel – ein 180 Ordner starkes Kunstwerk von Harald Bender

Harald Bender (1950–2014), der sich seit 1976 auch Adelhyd van Bender nannte, überließ der Sammlung im Jahr 2000 180 Ordner mit jeweils ca. 180 DIN A4-Papierarbeiten, die aus teils farbigen Zeichnungen, Collagen und Kopien bestehen. In der Dauerausstellung ist ein Teil dieser Ordner nun in einem großen Regal ausgestellt. Seit 1977 arbeitete er, von Sozialhilfe lebend, unablässig an diesem gigantischen Konvolut. Er sah darin Ergebnisse einer wissenschaftlichen Arbeit, mit der er die Verbindung zwischen dem Atom, für ihn Lichtenergie, und dem Eisprung erforschen wollte. Eines Tages sollten diese „Beweise“ (Bender) an das Amtsgericht Schöneberg gehen, wo ein Richter tatsächlich schon einige Werke des Künstlers angenommen hatte. Bis zu seinem Tod arbeitete Bender rastlos an diesen Forschungen weiter, indem er die unterschiedlichsten akademischen Disziplinen einbezog. Seine kleine Einzimmerwohnung wuchs mit Ordnern und Mappen allmählich zu. 2014 erhielt die Kölner Galerie Delmes & Zander den Großteil dieses OEuvres, die es aufarbeitet und in einem eigenen Schauraum zeigt.

Mehr Informationen über unsere Dauerausstellung bekommen Sie u.a. in unserem neuen Sammlungsführer, der ab Dezember im Museumsshop per Versand erworben werden kann.

Bilder: Harald Bender, ohne Titel, Inv. Nr. 8070/192 recto (2000) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Ausstellungsansicht © Francesco Futterer, kontext kommunikation


 

Sonja Gerstner „Du bist gekommen?

Sonja Gerstner (1952–1971) zeigte mit 16 Jahren erste Symptome einer psychischen Erkrankung. Ihre Mutter Sybille Gerstner, Gründerin der berühmten DDR-Modezeitschrift Sibylle, beschrieb später in ihrem literarischen Bericht Flucht in die Wolken (1981) unter Pseudonym das Schicksal ihrer Tochter: drei Aufenthalte in der geschlossenen Psychiatrie (mit Insulinkoma- und Elektrokrampftherapie), zunehmende Hilflosigkeit und seelische Isolation. Die Forderungen der Eltern nach anderen Behandlungsmethoden und psychotherapeutischer Betreuung blieben erfolglos.

Die auf ärztlichen Rat hin erzwungene Trennung Sonja Gerstners von ihrem Freund Peter wurde zum Trauma. In der psychiatrischen Klinik schrieb sie Tagebuch, verfasste Gedichte, komponierte Songs und entfaltete eine große bildnerische Begabung. In ihren Zeichnungen und Gemälden bearbeitete sie ihre Liebe zu „Peer“ und ihre ersten schuldhaft empfundenen sexuellen Erfahrungen, aber auch ihre Verzweiflung, Ängste und Suizidgedanken. Du bist gekommen? ist der Titel eines Selbstporträts mit ihrem Freund, das sie nach einer Elektroschockbehandlung 1970 gemalt hat.

Nach der Entlassung aus der Psychiatrie nahm Sonja Gerstner sich mit 19 Jahren das Leben. Ihre Mutter überließ 2007 mit 150 Werken den größten Teil ihres künstlerischen Nachlasses der Sammlung Prinzhorn als Dauerleihgabe.

Bild: Sonja Gerstner, „Du bist gekommen?“ Selbstbildnis mit Freund, 1970, Öl auf Hartfaser, Inv.Nr. D 8073/2 (2007) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Wilhelm Werner „Der Siegeszug der Sterelation“

„Der Siegeszug der Sterelation“: Die Aufschrift unter der Zeichnung eines Busses mit einigen traurig wirkenden Insassen, auf dem eine überdimensionierte Diakonisse mit einer Spritze, einem Grammophon und einer NS-Flagge thront, wirkt wie ein Titel zu dem unscheinbar wirkenden Büchlein mit 44 Zeichnungen. Das Büchlein aus der unterfränkischen Heil- und Pflegeanstalt Werneck wurde 2008 / 2010  in die Sammlung Prinzhorn aufgenommen. Es handelt sich um eine Rarität, denn die Zeichnungen stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus, und thematisieren eindeutig die Zwangssterilisation aus der Sicht eines Patienten – dies ist einzigartig. Den Namen des Zeichners überliefert das Werk selbst: Wilhelm Werner (1898-1940).

Über Werner wissen wir wenig. Er war unverheiratet, übte keinen Beruf aus und wuchs im Armenhaus auf. 1919 kam er 21-jährig mit der Diagnose „Idiotie“ in psychiatrische Anstaltsbehandlung. Über sein Leben in Werneck gibt keine Quellen – bis auf eine: den Meldebogen für die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion „T4“. In diesem Dokument wird Werner als ein „schwachsinniger Schwätzer“ bezeichnet, der nur mäßig zu einfachen Arbeiten zu gebrauchen sei – ein Todesurteil. Im Oktober 1940 erfolgte die Räumung der Anstalt im Rahmen der NS-Krankenmorde. 760 Patient*innen wurden verlegt, etwa ein Drittel von ihnen kam sofort in Zwischen- oder Tötungsanstalten. Wilhelm Werner gehörte dazu. Im Sammeltransport wurden er und zahlreiche Mitpatient*innen direkt zur Gaskammer in Pirna-Sonnenstein überstellt.

Werners Zeichnungen haben überlebt. Ihre Zusammenfassung in einem Büchlein offenbart, dass Werner die Patientensicht auf eines der NS-Medizinverbrechen überliefern wollte – was ihm etwa 70 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod letztlich auch gelungen ist.

Zeichnungen von Wilhelm Werner sind in unserer neuen Dauerausstellung zu sehen. Mehr Informationen über unsere Dauerausstellung bekommen Sie u.a. in unserem neuen Sammlungsführer, der ab Dezember im Museumsshop erworben werden kann.

Bilder:

Wilhelm Werner, ohne Titel,  1934 / 1938, Bleistift auf Papier, Inv. Nr. 8083 (2008) fol. 25 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Wilhelm Werner, ohne Titel,  1934 / 1938, Bleistift auf Papier, Inv. Nr. 8083 (2008) fol. 14 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

 

 

 


 

„Das Closettpapier“ von Josef Heinrich Grebing


„Es sind schon Aufsätze geschrieben und gedruckt worden über die Unsterblichkeit des Maikäfers, über die Gefährlichkeit des Schießgewehrs und über Diskutierbarkeit Darwinscher Deczendenzlehren. Warum sollte nicht auch eine Abhandlung über gute und schlechte Eigenschaften, Dasein oder Fehlen, Herkunft und Preissteigerung des Closettpapiers, Anerkennung und Bezahlung finden? […]“
(Auszug aus der Einleitung)


In der Psychiatrie von Wiesloch setzte sich der ehemalige Kaufmann Josef Heinrich Grebing (1879-1940) intensiv mit einem Alltagsmaterial auseinander, dass in diesen Wochen wieder besondere Aufmerksamkeit erhält: Klopapier. Er verfasste einen 16-seitigen handschriftlichen Extemporalaufsatz „Das Closettpapier“, in dem er seine eigensinnigen Überlegungen zu Qualität und Handel des Hygieneartikels in aller Ausführlichkeit festhielt. Hier beschrieb er, warum das Papier in Zukunft, bei Befolgen seiner Ratschläge, zu einem weitaus besseren Artikel des täglichen Gebrauchs werden könne.

Grebing schildert detailliert den früheren Gebrauch aller nur erdenklichen Hilfsmittel zur Analhygiene, von Pflanzenblättern, Essigschwämmen, Stofffetzen über Rest- und Zeitungspapier, Buchseiten oder Krepppapier, kulminieren in mit Opiaten versetzten Wattebäuschen, die desinfizieren und beruhigen sollen. Über diese historischen Exkurse hinaus kalkulierte er, ganz Kaufmann, die wirtschaftlichen Gewinne, die bei einer Bevölkerung von damals 60 Millionen Deutschen von einer qualitativen Verbesserung der täglich verwendeten Rollenware zu erwarten seien. Leider verzettelte sich der Autor dieser fundamentalen Analyse gegen deren Ende in larmoyanten Betrachtungen über die Zurücksetzung seines kaufmännischen Expertenwissens. Die unglaubliche Nachfrage nach Klopapier während des ersten Lockdowns hätte sich Grebing aber ohnehin selbst in seinen tollkühnsten Träumen wohl kaum vorstellen können.

 
Mehr Informationen im neuen Sammlungsführer

In Kürze erscheint unser neuer Sammlungsführer, der Werke und Künstler unserer Dauerausstellung vorstellt. Das Buch kann ab Dezember über den Museumsshop erworben werden und ist die perfekte Vorbereitung für Ihren nächsten Besuch im Museum Sammlung Prinzhorn

Bilder: Josef Heinrich Grebing, "Das Closettpapier. Extemporalaufsatz von Josef Heinr. Grebing.", um 1908, Feder in schwarzer Tinte in liniertem Heft mit blauem Umschlag, Inv. Nr. 624 / 58 (2012) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg