Digitales Angebot zur Sonderausstellung "Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. Werke der Sammlung Kraft"

 

Die Reihe startet am 9. Dezember (dem ursprünglichen Eröffnungstag der Ausstellung) mit einem Videointerview mit dem Nervenarzt und Psychoanalytiker Hartmut Kraft. Anschließend stellen wir hier jeden Montag ein Werk oder eine*n Künstler*in unserer neuen Sonderausstellung vor.

 

 


 

Die „eigentümliche Faszination“ der Zeichnungen von Karl L.

Karl L.s (1915–?) Zeichnungen zeigen Kopffüßler, stark abstrahierte Früchte, Bäume und Tiere. Das zeichnerische Vokabular entspricht dem eines 3- bis 4-Jährigen. Der ca. 70-jährige L. setzte es allerdings, durch lange Übung, sicherer ein als ein Kind und ging auch mit der oft komplexen Kolorierung konzeptueller um, als es einem Minderjährigen möglich wäre. Gerade hieraus entsteht die heitere Anmutung und die „eigentümliche Faszination“ (Zitat Hartmut Kraft) der Bilder. L. hatte nur den Kindergarten besucht, kam mit 16 erstmals in eine Nervenklinik, später in ein Heim für geistig Behinderte. Um 1980 erhielt er, damals Langzeitpatient im Landeskrankenhaus Bonn, erstmals Zeichenmaterial in einer Beschäftigungstherapie. Eine Vielzahl von Zeichnungen entstand allerdings vor allem auf seiner Station, wo er sie anfangs in seinem Schrank versteckte. Eine Praktikantin entdeckte sie und rettete sie zusammen mit Hartmut Kraft vor der Vernichtung durch das Stationsteam.

Bilder: Karl L., Zeichnungen, ohne Titel, undatiert, Kugelschreiber und Wachskreiden auf Aktenpapier © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

„Bunnychen im Kartoffelhimmel“ von Bernd Wrobel

Bernd Wrobel (1954–1980) suchte seit 1970 mit Rauschgiften und transzendentaler Meditation nach Bewusstseinserweiterung. Wegen bedrängenden Stimmenhörens unternahm er 1975 einen ersten Suizidversuch. Neuerliche Selbstmorddrohungen führten Anfang 1977 zur Aufnahme in die Rheinische Landesklinik Bonn. Nach einem weiteren Suizidversuch nahm er dort unregelmäßig vor allem an der Beschäftigungstherapie teil, wo er zeichnete und sogar die Idee aufnahm, sich zum Siebdrucker ausbilden zu lassen. Anfangs waren seine Zeichnungen noch steif und düster und zeigten häufig Kriegsschiffe. Mit einer neuen Beschäftigungstherapeutin trat jedoch eine Wandlung ein, seine Bilder wurden starkfarbig und lebendiger, geradezu heiter.  Ende 1979 verdüsterte sich Wrobels Stimmung wieder. Er hörte auf zu zeichnen. Im März 1980 endete ein Sprung von der höchsten Treppe des Krankenhauses tödlich.

Bild: Bernd Wrobel, „Bunnychen im Kartoffelhimmel“, undatiert, Wachskreide und Kugelschreiber © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Nationalsozialistische Vaterfiguren von Theo Wagemann

Theo Wagemann (1918–1998), Sohn eines Gastwirts in Venwegen, einem kleinen Ort bei Aachen, erkrankte 1933 psychisch und musste eine Schneiderlehre abbrechen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde er zwangssterilisiert, konnte aber bei der Familie bleiben. In den 70er Jahren begann er zu zeichnen und wurde unter dem Namen „Theo“ bekannt. Ein Großteil von Theos Œuvre besteht aus Darstellungen von Nazi-Größen, insbesondere Hitler-Porträts. Deren freundliche Gesichter wie auch die Aufschriften vorne und auf der Rückseite der Zeichnungen lassen trotz eigenwilliger Rechtschreibung keinen Zweifel an der positiven Einstellung des Zeichners zu diesen Persönlichkeiten. Wagemann, der selbst unter den Nationalsozialisten gelitten hatte, dürfte sie naiv als Vaterfiguren verherrlicht haben. Aufgrund ihrer expressiven Formensprache wären die Bilder ohnehin nicht als NS-Devotionalien geeignet.

Bild: Theodor Wagemann „Theo“, „Herrmann Görring“, 1986, Bleistift und Farbstifte auf Papier, Inv. Nr. 8063/10 (2020) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Flugfahrräder von Gustav Mesmer 

Gustav Mesmer (1903–1994) war von 1928 bis 1964 in psychiatrischen Anstalten untergebracht. 1932 beschäftigte er sich erstmals mit Flugmaschinen. Im Altersheim von Buttenhausen (Schwäbische Alb) begann Mesmer Flugversuche mit Flugfahrrädern, was ihm den Beinamen „Ikarus vom Lautertal“ einbrachte. In seinen letzten Lebensjahren begann die Wertschätzung seiner Werke als Outsider Art.  In der Vorbereitung seines Grenzgänger-Buches besuchte Hartmut Kraft den 80-jährigen Mesmer in Buttenhausen. Den ganzen Tag über demonstrierte er dem Arzt seine Flugmaschinen. Von Misserfolgen ließ er sich nicht beirren: „Vielleicht klappt es mal. Wenn nicht, habe ich probiert, was möglich ist.“

Bild: Gustav Mesmer, ohne Titel, undatiert (ca. 1980), Aquarell und Tusche auf Papier © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Videointerview mit dem Nervenarzt und Psychoanalytiker Hartmut Kraft