Digitales Angebot zur Sonderausstellung "Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. Werke der Sammlung Kraft"

Werke der Sammlung Kraft

Die Reihe startete am 9. Dezember (dem ursprünglichen Eröffnungstag der Ausstellung) mit einem Videointerview mit dem Nervenarzt und Psychoanalytiker Hartmut Kraft. Anschließend haben wir hier und auf Facebook wöchentlich ein Werk oder eine*n Künstler*in unserer neuen Sonderausstellung vorgestellt. Die Reihe ist nun beendet, alle Beiträge können nachgelesen werden.

 

 


 

Der Eselstreiber von Friedrich Schröder-Sonnenstern


Mit dem vermutlich bekanntesten Künstler der Ausstellung endet unserer Reihe. Nach einem Leben in Erziehungsanstalten, Psychiatrien und Gefängnissen erfand sich 1949 Friedrich Schröder (1892–1982) als Künstler Friedrich Schröder-Sonnenstern neu. Entdeckt von den Surrealisten wurde er mit seinen grotesken Bilderfindungen einer „mondmoralischen“ Gegenwelt bald als herausragender Vertreter der Art brut wie des Spät-Surrealismus gefeiert. Hartmut Kraft erwarb Werke von ihm im Kunsthandel, auf Auktionen und von privat. Dabei konzentrierte sich der Sammler vor allem auf das Motiv des „Eseltreibers“, dass der Künstler mit kleinen Variationen vielfach erneut aufgriff. Ein Tier, beladen mit drei Säcken (Glaube, Liebe und Hoffnung) wird von einem Mann mit einer Flasche gefüttert und zugleich mit einer Peitsche bedroht. Auf dem frühesten Blatt der Sammlung (1951/1952), trägt der Mann bereits eine Art Dreispitz und Uniform. Sein Ohr ist, typisch für den Künstler, phallusförmig, um zu zeigen, dass er „nur Sinnlichkeit im Kopf“ habe. Später werden auch Nase und Kinn in Phalli verwandelt, und ein Affe kommt als weiterer Akteur hinzu.

Bild: Friedrich Schröder-Sonnenstern, „Der komisch moralische Eseltreiber“, 1959, Farbstifte auf Karton, Sammlung Kraft, Köln © VG Bildkunst, Bonn 2020, Foto: Eberhard Hahne/Köln


 

Wilde Malerei von Blalla W. Hallmann

In der Ausstellung geben wir mit Zeichnungen und Gemälden von Blalla W. Hallmann (1941–1997) aus den Jahren 1956–1991 einen kleinen Querschnitt durch sein Œuvre. Hallmann studierte Kunst in Düsseldorf und Nürnberg und trat ab 1965 als Maler und Schauspieler auf. Er war immer wieder in der Psychiatrie, auch wegen Selbsttötungsversuchen. Seit Ende der 70er Jahre malte er seine „Horrorbilder“, ätzend kritische Abrechnungen mit der Welt, die als „Neue wilde Malerei“ Anerkennung fanden. 1984 zog er nach Köln, 1992 nach Berlin, von wo aus er bis 1995 eine Professur an der Kunstakademie Braunschweig wahrnahm. 1997 starb er an Krebs. Hartmut Kraft hat Hallmann gut gekannt und viele Werke von ihm selbst und im Kunsthandel erworben.

Bild: Das allerletzte Abendmahl im Rahmen des Deutsch-Amerikanischen Freundschafts-Essens mit Ronnies Affen-Kapelle und goldener Engelscheisse. Darstellung durch international anerkannte und belobigte, sowie beglaubigte Schauspieler von Bühne und Leinwand unter der Gesamtleitung von Mickey-Mouse-Riegen. (Im ägyptischen Stil) (1981) Tempera und Mischtechnik auf Hartfaser, 157 x 97 cm signiert und datiert »Blalla W. Hallmann Juli 1981«


 

Kopffüßler und Fantasiewesen von August Wilhelm Schnietz

1978 beginnt August Wilhelm Schnietz (1933-1988) in einer psychiatrischen Klinik Kopffüßler in Landschaften zu zeichnen. Wahrscheinlich stellte er den Leib nicht dar, weil ihn Versündigungsängste quälten. Später wichen die Kopffüßler Fantasiewesen und Körperfragmenten, deren wachsende Zahl zuweilen Blätter ganz ausfüllte. Hartmut Kraft lernte den Zeichner 1979 kennen und begann, sich intensiv mit seinem Werk zu beschäftigen. 1983 wurde Schnietz aus der stationären Behandlung entlassen. Als er vorzeitig in Rente ging, wurde das Zeichnen für ihn zur Hauptbeschäftigung. Schnietz erlaubte Kraft, seinen Klarnamen zu publizieren sowie Bilder von ihm zu kaufen und für ihn zu verkaufen. Er war mit seinen Arbeiten auf allen Ausstellungen der Sammlung Kraft zu den „Kopffüßlern“ und den „Grenzgängern zwischen Kunst und Psychiatrie“ vertreten. 1988 starb er an einem Herzinfarkt.

Bild: August Wilhelm Schnietz, ohne Titel (Begegnungen), 1985, Fineliner und Wasserfarben auf Papier ©
Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Undatierte Werke von Josef S.


Josef S. (1916-?) kam 1939 aufgrund auffälliger Teilnahmslosigkeit für seine Umwelt in die Psychiatrie und blieb dauerhaft. Er war unordentlich, zeitweise aggressiv und schwer zu motivieren. Mit der Zeit begann er in der Beschäftigungstherapie mit Wachskreiden zu zeichnen. Hartmut Krafts Interesse wurde durch Josef S. Kopffüßlerzeichnungen geweckt. Aber auch andere Themen gestaltete er. Nach einem Zoobesuch entstanden beispielsweise mehrere Darstellungen eines Vogels, wobei sich der Zeichner immer weiter vom Vorbild entfernte. Gerade diese Zeichnungsserien waren ein Blickfang in den Ausstellungen der Sammlung Kraft zu den Kopffüßlern und den Grenzgängern zwischen Kunst und Psychiatrie.

Bilder:

Josef S., ohne Titel (Drei Kopffüßler), undatiert, Wachskreiden auf farbigem Papier © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Josef S., ohne Titel, undatiert, Wachskreiden auf farbigem Papier © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Die „eigentümliche Faszination“ der Zeichnungen von Karl L.

Karl L.s (1915–?) Zeichnungen zeigen Kopffüßler, stark abstrahierte Früchte, Bäume und Tiere. Das zeichnerische Vokabular entspricht dem eines 3- bis 4-Jährigen. Der ca. 70-jährige L. setzte es allerdings, durch lange Übung, sicherer ein als ein Kind und ging auch mit der oft komplexen Kolorierung konzeptueller um, als es einem Minderjährigen möglich wäre. Gerade hieraus entsteht die heitere Anmutung und die „eigentümliche Faszination“ (Zitat Hartmut Kraft) der Bilder. L. hatte nur den Kindergarten besucht, kam mit 16 erstmals in eine Nervenklinik, später in ein Heim für geistig Behinderte. Um 1980 erhielt er, damals Langzeitpatient im Landeskrankenhaus Bonn, erstmals Zeichenmaterial in einer Beschäftigungstherapie. Eine Vielzahl von Zeichnungen entstand allerdings vor allem auf seiner Station, wo er sie anfangs in seinem Schrank versteckte. Eine Praktikantin entdeckte sie und rettete sie zusammen mit Hartmut Kraft vor der Vernichtung durch das Stationsteam.

Bilder: Karl L., Zeichnungen, ohne Titel, undatiert, Kugelschreiber und Wachskreiden auf Aktenpapier © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

„Bunnychen im Kartoffelhimmel“ von Bernd Wrobel

Bernd Wrobel (1954–1980) suchte seit 1970 mit Rauschgiften und transzendentaler Meditation nach Bewusstseinserweiterung. Wegen bedrängenden Stimmenhörens unternahm er 1975 einen ersten Suizidversuch. Neuerliche Selbstmorddrohungen führten Anfang 1977 zur Aufnahme in die Rheinische Landesklinik Bonn. Nach einem weiteren Suizidversuch nahm er dort unregelmäßig vor allem an der Beschäftigungstherapie teil, wo er zeichnete und sogar die Idee aufnahm, sich zum Siebdrucker ausbilden zu lassen. Anfangs waren seine Zeichnungen noch steif und düster und zeigten häufig Kriegsschiffe. Mit einer neuen Beschäftigungstherapeutin trat jedoch eine Wandlung ein, seine Bilder wurden starkfarbig und lebendiger, geradezu heiter.  Ende 1979 verdüsterte sich Wrobels Stimmung wieder. Er hörte auf zu zeichnen. Im März 1980 endete ein Sprung von der höchsten Treppe des Krankenhauses tödlich.

Bild: Bernd Wrobel, „Bunnychen im Kartoffelhimmel“, undatiert, Wachskreide und Kugelschreiber © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Nationalsozialistische Vaterfiguren von Theo Wagemann

Theo Wagemann (1918–1998), Sohn eines Gastwirts in Venwegen, einem kleinen Ort bei Aachen, erkrankte 1933 psychisch und musste eine Schneiderlehre abbrechen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde er zwangssterilisiert, konnte aber bei der Familie bleiben. In den 70er Jahren begann er zu zeichnen und wurde unter dem Namen „Theo“ bekannt. Ein Großteil von Theos Œuvre besteht aus Darstellungen von Nazi-Größen, insbesondere Hitler-Porträts. Deren freundliche Gesichter wie auch die Aufschriften vorne und auf der Rückseite der Zeichnungen lassen trotz eigenwilliger Rechtschreibung keinen Zweifel an der positiven Einstellung des Zeichners zu diesen Persönlichkeiten. Wagemann, der selbst unter den Nationalsozialisten gelitten hatte, dürfte sie naiv als Vaterfiguren verherrlicht haben. Aufgrund ihrer expressiven Formensprache wären die Bilder ohnehin nicht als NS-Devotionalien geeignet.

Bild: Theodor Wagemann „Theo“, „Herrmann Görring“, 1986, Bleistift und Farbstifte auf Papier, Inv. Nr. 8063/10 (2020) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Flugfahrräder von Gustav Mesmer 

Gustav Mesmer (1903–1994) war von 1928 bis 1964 in psychiatrischen Anstalten untergebracht. 1932 beschäftigte er sich erstmals mit Flugmaschinen. Im Altersheim von Buttenhausen (Schwäbische Alb) begann Mesmer Flugversuche mit Flugfahrrädern, was ihm den Beinamen „Ikarus vom Lautertal“ einbrachte. In seinen letzten Lebensjahren begann die Wertschätzung seiner Werke als Outsider Art.  In der Vorbereitung seines Grenzgänger-Buches besuchte Hartmut Kraft den 80-jährigen Mesmer in Buttenhausen. Den ganzen Tag über demonstrierte er dem Arzt seine Flugmaschinen. Von Misserfolgen ließ er sich nicht beirren: „Vielleicht klappt es mal. Wenn nicht, habe ich probiert, was möglich ist.“

Bild: Gustav Mesmer, ohne Titel, undatiert (ca. 1980), Aquarell und Tusche auf Papier © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg


 

Videointerview mit dem Nervenarzt und Psychoanalytiker Hartmut Kraft