Aktuell

Paul Goesch

Zwischen Avantgarde und Anstalt

Verlängert bis 15. Januar

Pressemappe

Ausstellungsflyer

Begleitprogramm

Paul Goesch ist einer der wenigen ausgebildeten Künstler der Sammlung Prinzhorn. Er war ein angesehener expressionistischer Maler und Zeichner seiner Zeit und aktives Mitglied der Avantgarde, der zwanzig Jahre in psychiatrischen Anstalten verbrachte, bis er 1940 von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Das Museum, dem 2015 über 340 Werke Goeschs geschenkt wurden, präsentiert mehr als 120 Zeichnungen und Aquarelle des Künstlers aus eigenen Beständen, viele davon werden erstmals ausgestellt.

 
Paul Goeschs vielfältige Gouachen zeigen phantastische Architektur, Porträts, christliche und mythologische Szenen sowie gegenstandslose Kompositionen. Er hatte Architektur studiert (1903-1911) und war danach im Staatsdienst im westpreußischen Kulm tätig. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zur avantgardistischen Kunstszene Berlins, war Mitglied der Novembergruppe, des Arbeitsrates für Kunst und der Gläsernen Kette. Er nahm an Ausstellungen teil, publizierte Zeichnungen und Texte. Schon früher hatte er in Sanatorien Erholung von seiner „Nervosität“ gesucht, in Schwetz war er 1917-1919 in einer Anstalt gewesen. Ab 1921 blieb Goesch fast ohne Unterbrechung in den Anstalten Göttingen und Teupitz. Hier malte und aquarellierte er auf allem, was ihm zur Verfügung stand, von Papier über Karton bis hin zu Packpapier und Briefumschlägen. Auch nahm er eine Zeit lang weiterhin Illustrationsaufträge an und war auf Ausstellungen vertreten. 1940 ermordeten ihn nationalsozialistische Ärzte.


In der Kunst ist Paul Goesch bis heute ein Grenzgänger geblieben. Obgleich er in der Gläsernen Kette ein gleichwertiges Mitglied neben u.a. Bruno Taut, Walter Gropius und Hans Scharoun war, blieb seine Rezeption wegen seiner Psychiatrisierung zögerlich. Und als „Anstaltskünstler“ fanden ihn viele „zu professionell“. Hans Prinzhorn, der bereits um 1920 Werke von Goesch erhielt, äußerte sich in seinem bahnbrechenden Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ nicht über den Berliner Künstler – weil er ihm nicht authentisch genug erschien. Heute können wir jenseits der einen wie der anderen Vorurteile einen einzigartigen Künstler neu entdecken.

Zu drei ausgewählten Aspekten im Leben und Werk von Paul Goesch bietet die Sammlung Prinzhorn in der Verlängerungszeit auch Themenführungen an (Opens internal link in current windowTermine siehe hier): So widmet sich „Paul Goesch und seine phantastischen Architekturentwürfe“ seiner eigentlichen Profession und wirft unter anderem einen Blick auf dieGläserne Kette“, der Briefgemeinschaft visionär gesinnter Architekten um Bruno Taut, und dazu passenden Bauentwürfen, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen. In der Themenführung „Anbetung für Seurat: Paul Goesch und der französische Pointilismus“ steht der französische Pointilist Georges Seurat im Mittelpunkt, der Paul Goesch faszinierte. Diese Führung wird es im Rahmen der französischen Woche auch in der Muttersprache des Pointilisten geben. Die dritte Themenführung nimmt das gewaltsame Ende von Paul Goeschs Leben 1940 in den Fokus – als ein Opfer des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten. Außerdem wird Thomas Röske, Kurator der Ausstellung, drei Mal selbst durch die Ausstellung führen und einen tieferen Einblick in die Auswahl der Werke geben.

Parallel zur Ausstellung "Paul Goesch" zeigt die Berlinische Galerie die Ausstellung Opens external link in new window"Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch" (15. April bis 31. Oktober 2016)

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen und im Museumsshop und im Buchhandel erhältlich: 

Paul Goesch (1885–1940) – Zwischen Avantgarde und Anstalt, hrsg. von Thomas Röske, Sammlung Prinzhorn Heidelberg 2016, Verlag Das Wunderhorn, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-88423-539-3

 

 

 

Kabinettausstellung

Erich Spiessbach

der "dreifach diplomierte Idiot" 

20. September 2016 bis 15. Januar 2017  

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 „Auch Dummheit ist eine Gabe Gottes, die man nicht ungestraft missbrauchen kann.“ Durch dieses Motto wurde 1951 der junge Psychiater Manfred in der Beeck auf den eigenwilligen Humor von Erich Spiessbach (1901–1956) aufmerksam. Mit einem Illustrationsauftrag entfesselte der Arzt die Kreativität seines Patienten für eine kurze, sehr intensive Zeit von wenigen Monaten. 20 Werke voller Humor und Sarkasmus geben jetzt im Kabinett der Sammlung Prinzhorn einen Einblick in das Werk Spiessbachs, von dem mehr als 300 Zeichnungen als Dauerleihgabe in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn bewahrt werden.

Erich Spiessbach hatte als archäologischer Hilfsarbeiter zunächst in Gotha, dann in Münster für Grabungsberichte gezeichnet und Fundstücke restauriert. 1936 führte ein Streit mit seinem Vorgesetzten in Münster zur fristlosen Entlassung und zum ersten Gerichtsverfahren, das er gewann. Doch in der Folge eskalierte die Auseinandersetzung, und Spiessbach machte immer mehr gerichtliche Eingaben mit immer weniger nachvollziehbaren Beschwerden. Offenbar ging es ihm darum feststellen zu lassen, dass er anderen an Einsicht und Intelligenz überlegen sei. Doch er bewirkte das Gegenteil: Dreimal wurde ein Gutachten über seine geistige Verfassung angefertigt, die er selbst „Idiotendiplome“ nannte. Sechs Jahre versuchte er zu prozessieren und ging dabei bis zum Äußersten, indem er den Vorsitzenden des Münsteraner Arbeitsgerichts wegen „offensichtlicher Geisteskrankheit“ zu entlassen beantragte. Daraufhin wurde seine Entmündigung in die Wege geleitet, und er kam 1943 mit der Diagnose „querulierender Paranoiker“ in die psychiatrische Anstalt Münster.

Da die Anstalt im Krieg schwer beschädigt wurde, verlegte man ihn mit den anderen Patienten nach Marsberg, wo er 1951 an Tuberkulose erkrankte und deshalb in eine Einzelzelle verlegt wurde. Dort gibt ihm Manfred in der Beeck aus Mitleid Zeichenmaterial und, nachdem er auf seinen Humor aufmerksam geworden ist, auch einen Ausspruch der Frankfurter Zeitung zur Illustration: „Alles ist möglich, das Dümmste aber am wahrscheinlichsten“
Mit diesem Auftrag war das Eis gebrochen, und Spiessbach fertigte nun eine Flut von kleinen humoristischen bis sarkastischen Zeichnungen an, die sich über die Dummheit und Gemeinheit anderer lustig machten und für den jungen Arzt bestimmt waren. Eine alternative Art der Kommunikation war etabliert. Bald sah sich Spiessbach ermutigt, auf diesem Wege auch seinen Wunsch nach Entlassung zu formulieren. Er wollte zurück in den Osten Deutschlands und beschäftigte sich deshalb mehr und mehr mit Sowjet-Symbolen. Als er entsprechende Entwürfe mit Spruchbändern auf Leinentücher malte und diese aus dem Fenster hängte, schritt in der Beeck ein. Spiessbach brach daraufhin sofort jegliche Zeichentätigkeit ab. Nur zwei Blätter entstanden noch in den folgenden Jahren. Am 12. Oktober 1956 stürzte der Patient bei einem Fluchtversuch ab und starb noch am selben Tag an seiner Kopfverletzung.

In den Blättern Spiessbachs lässt sich der ungewöhnliche Humor eines langjährigen Anstaltsinsassen erkennen, der zu Unrecht als paranoid diagnostiziert und eingesperrt zu sein glaubt. Mit seinem Lachen reagierte er auf die Situation, in der er sich befindet – auf die Ärzte und auf die Dummheit in der Welt ganz allgemein.

2012-2014 waren die Werke in der Ausstellung „Der dreifach diplomierte Idiot – Das Phänomen Erich Spießbach“ in Gotha, Münster und Bremen zu sehen. Aus dem Nachlass des Psychiaters kam das Konvolut 2015 zunächst als Dauerleihgabe in die Sammlung Prinzhorn, die nun in Erwerbungsverhandlungen mit den Besitzern steht. Die Kabinettausstellung ist dabei nur ein „Appetithäppchen“ für das Jahr 2020. Dann will sich die Sammlung Prinzhorn dem Humor zwischen Anstaltsmauern im größeren Rahmen widmen – unter dem Titel „Wahnsinnig komisch“. 

Der Katalog „Der dreifach diplomierte Idiot“, Das Phänomen Erich Spießbach, der die Ausstellungen in Gotha, Münster und Bremen begleitet hat, ist  auch im Museumsshop der Sammlung Prinzhorn erhältlich. Er gibt einen tieferen Einblick in Leben und Werk des Künstlers:  

„Der dreifach diplomierte Idiot“, Das Phänomen Erich Spießbach, hrsg. v. der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Ausstellungskatalog, Edition Kunst, Gotha 2012. 14,80 Euro. ISBN: 978-3-940998-15-6