Willhelm Müller

Achtundvierzigmal hat Wilhelm Müller innerhalb von zwei Jahren den Blick auf den Domjüch-See festgehalten, den er aus dem Fenster seines Zimmers der Mecklenburg Strelitzschen Landesirrenanstalt Domjüch sehen konnte. Es ist immer wieder derselbe Ausschnitt. Die Serie beginnt mit der Federzeichnung „Domjüch Jan. 1916.“ (Inv.Nr. 1116) und umfasst in der Folge 34 Blätter, die zum Teil vor- und rückseitig bearbeitet sind.

Scheinbar objektive Landschaftsdarstellungen, die vordergründig nichts über die Anstalt oder die subjektive Verfassung des Autors erzählen - aber dennoch viel verraten. Die Hingabe an das Exterieur sagt etwas aus über das Interieur und über den Standort des Verfassers. Der stets gleiche Blick nach draußen, der über Stunden, Tage, Monate und Jahre hinweg den ihm gewährten Teil der Außenwelt sorgfältig studiert und analysiert, lässt den engen Bewegungsraum Wilhelm Müllers in der Anstalt erahnen.

Man sieht ihn am Fenster stehen, nicht nur sein Blick, sein ganzes Sehnen ist nach außen gerichtet. Die Zeichnungen bringen ein intensives Empfinden der Natur im Wechselspiel der Elemente zum Ausdruck. Malmittel und -gestus sind den unterschiedlichen Empfindungen angepasst. Zarte Bleistiftschraffuren, locker gesetzt, veranschaulichen die Atmosphäre eines Januartages: „wolkig-licht“, „Schneegewölk, - Cirrostratus - klar mittelblau“ schreibt er dazu (Inv.Nr. 1117verso). Dagegen peitschen „Hagel - Schnee u. Regen“ in ungestümen Strichen und breiten Tupfen mit Deckweiß über nur grob mit dem Pinsel umfahrene Baumgruppen (siehe Abb., Wasserfarben, Inv.Nr. 1121verso). Die Binnenzeichnung der Baumäste und -stämme sowie der Himmelspartie wird hierbei von durchscheinenden Linien der Tuschzeichnung der Vorderseite vorgegeben. Der Zeichen- bzw. Malstil Wilhelm Müllers reicht von einer eher konventionellen, naturalistischen Wiedergabe des Sujets über eine impressionistisch anmutende Landschaftsauffassung bis hin zur expressiven, frei gestischen Darstellung. Sie nähern sich in ihrer weitgehenden Abstraktion der Ungegenständlichkeit und wirken für unser heutiges Auge unglaublich modern (Inv.Nr. 1126 u. 1145recto).

Die Intensität, mit der Wilhelm Müller mit der Landschaft erforscht, zeigt sich auch in seinen Aufschriften. Immer wieder beschreibt er die Atmosphäre, Luft, Farben und Klima; er gibt die Jahres- und Tageszeit, Datum und zum Teil die genaue Uhrzeit an, um die Situation so genau wie möglich festzuhalten. Der Eintönigkeit des jahrelangen Anstaltsaufenthaltes setzt Wilhelm Müller die permanente Veränderung der Außenwelt entgegen. Sie allein bietet den nötigen Halt, sich nicht in der Zeitlosigkeit des Anstaltslebens zu verlieren. Das Leben findet draußen statt. Im Interieur, in dem Wilhelm Müller eingeschlossen ist, steht die Zeit still.
Die Domjüch-Serie von Wilhelm Müller, die als visuelles Tagebuch verstanden werden kann, wartet darauf, einmal vollständig ausgestellt zu werden. So wie man sich den Zahlentabellen Hanne Darbovens als Versuch einer Konkretisierung des Abstraktums Zeit kaum entziehen kann, steht man, überwältigt von der Zeit-Dimension, vor den Landschaften Wilhelm Müllers. Man steht mit ihm am Fenster und blickt hinaus auf die Seelandschaft, in die Unendlichkeit des Verweilens.

Monika Jagfeld