Maria Lieb

Ende des vorletzten Jahrhunderts entstanden hinter Anstaltsmauern diese aus heutiger Sicht aktuell wirkenden Installationen. Außer dem Namen Marie Lieb ist nichts über die Urheberin und ihre ungewöhnliche Arbeit bekannt. Überliefert sind die raumgreifenden Installationen durch zwei Fotografien der Heidelberger Psychiatrischen Klinik aus dem Jahr 1894, beschriftet mit dem Namen der Patientin "Marie Lieb, Period. Manie Zellenboden."

Die eine Fotografie ist in dem Buch "Atlas und Grundriss der Psychiatrie" von Wilhelm Weygandt, Assistent Emil Kraepelins in Heidelberg, abgedruckt, mit der Beschriftung: "Figurenmuster, von einer Manischen aus Lappen des Bettzeugs auf dem Einzelzimmerboden ausgelegt." Mehrere Rollen gerissenen Stoffs liegen, links oben zu erkennen, auf dem Zellenboden. Flächendeckend sind Stoffstreifen auf dem Boden ausgelegt. Eine große Dreiecksfläche befindet sich im Zentrum der Bodeninstallation. Die Fläche ist strukturiert durch gleichmäßig verteilte Blüten, Räder und Kreisornamente. Auch Schriftelemente lassen sich erkennen, jedoch nicht entziffern. Ob es sich wirklich um Schrift handelt, kann nicht mehr nachvollzogen werden.

Die zweite Aufnahme zeigt eine Installation in einem anderen Raum. Auf der ersten Fotografie ist ein Dielenboden zu sehen, hier ist ein Parkettboden dem Blick frei gegeben. Da es sich um eine Detailaufnahme handelt, sind die verschiedenen Kreisformen, von achtzackigem Stern über eine sorgfältig ausgelegte Blumenrosette zu sechs Speichenrädern, nur teilweise vollständig zu sehen. Breitere Stoffstreifen unterteilen den Raum in unterschiedlich große Flächen, wobei spitz zulaufende Winkel als weiteres Gestaltungselement hervortreten. Hier ist auch deutlicher ein Schriftzug erkennbar, doch verwehrt der Ausschnitt die Lesbarkeit. Die Fotografie scheint zu einem Zeitpunkt gemacht worden zu sein, als Marie Lieb ihre Arbeit noch nicht beendet hatte. Im Gegensatz zur ersten Fotografie ist hier der Boden nicht flächendeckend ausgelegt, sondern im vorderen Zimmerbereich leer. Papier und Stift liegen am Rand der Installation, als ob jemand sie dokumentieren möchte.
Die Krankenakte von Marie Lieb ist nicht mehr erhalten, doch beweist diese Fotografie, dass ihre Arbeit nicht nur fotografisch dokumentiert und in einem Psychiatriehandbuch herangezogen, sondern offensichtlich auch vor Ort schriftlich von Ärzten kommentiert wurde. Dass dies nicht mit Interesse und Empathie für Marie Lieb erfolgte, sondern im Zuge einer gezielten Pathologisierung aller Handlungen, Äußerungen und Äußerlichkeiten hospitalisierter Menschen, mögen Weygandts Bemerkungen bestätigen: "Alle Äußerungen und Handlungen tragen, so flüchtig und skizzenhaft sie auch sind, doch den Stempel einer gewissen Gefälligkeit, wie die Fig. 93 dargestellte Zimmerdekoration zeigt, die eine tobsüchtige Kranke aus Fetzen des zerrissenen Bettzeugs auf den Einzelzimmerboden legte." Diese künstlerische Intervention als gefällig im Sinne eines schönen Teppichs zu deuten, zeigt deutlich, dass Ärzte das Raum Beanspruchende und das aggressive Potential hinter solchen Handlungen nicht wahrnehmen wollten.

Es ist anzunehmen, dass Marie Lieb häufiger solche Rauminstallationen auslegte, dass sie damit auffiel und zum Ärgernis für das Pflegepersonal wurde. Viele Frauen in der Anstalt haben Laken, die Anstaltskleidung aus grauem Leinen und auch das Matratzentuch zerrissen. Manche benutzten den so gewonnenen Stoff, um sich eigene neue Kleider zu nähen oder andere Dinge daraus zu fertigen. Meist wurden diesen kreativen Tätigkeiten unterbunden, Kleidung, Laken und oft auch die Matratze weggenommen.
Es ist nicht anzunehmen, dass Marie Lieb ihre Arbeit selbst dokumentierte, denn was hätte ihr daran gelegen sein sollen. Vielmehr dient die Verwandlung ihres Zellenboden aus gerissenem Stoff - das Material, das ihr verfügbar war (Anstaltskleidung, Decken, Handtücher) - dazu, einen Raum einzunehmen, den Boden, auf dem sie steht, zu verändern, zu gestalten nach ihren Vorstellungen. Damit kennzeichnet sie die Zelle als ihren eigenen, von ihr gestalteten Raum. Ein Raum, der von niemandem anderes als ihr definiert wird. Jeder, auch die Ärzte, die diesen Raum betreten, befinden sich in einer von Marie Lieb gestalteten Ordnung und nicht in der hierarchischen Ordnung der Anstalt. Mit einfachsten Mitteln verfolgt die Rauminstallation von Marie Lieb die Strategie, das Herrschaftsgefüge umzukehren, und vermutlich gehört auch das Chiffrieren der Schrift zu dieser Rebellion gegen herrschende Machtverhältnisse.

Viola Michely

aus: Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900, Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, hg. von Bettina Brand-Claussen und Viola Michely, Heidelberg 2004, S. 162.