Maria Kraetzinger

Von der Künstler-Patientin Maria K. ist in der Sammlung nur dieses bekannt: Geboren 1880, untergebracht in der Anstalt Eglfing/Haar bei München, Diagnose: Schizophrenie, Entstehung der Bilder im und um das Jahr 1906. – Das Gruppenbild oben zeigt zwei am Boden hockende Kinder, beschäftigt mit dem Flechten/Schmücken eines Kranzes. Hinter ihnen steht ein drittes Kind, ein skeptisch und ernst blickendes Mädchen.

Kraetzinger orientiert sich am Jugendstil. Mit dem Gruppenbild könnte Frau K. den alten Brauch des Jungfernkranzes thematisiert haben („Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide...“; das Brautjungfernlied aus dem „Freischütz“ war im 19. Jahrhundert außerordentlich populär geworden).

Ganz offensichtlich wünschte oder hatte Maria K. eine erotische Beziehung zu Professor Klein. Ja, sie muss ihn geradezu abgöttisch geliebt und verehrt haben („Lieber König Gustav“). Gründe für diese Gefühlslage kennen wir nicht. Daher ließen sich darüber lediglich höchst spekulative Mutmaßungen anstellen. –

Resümee: Die bildhaften und geschriebenen Äußerungen der Patientin Maria K. sind nicht zwingend als Ausgeburt einer krankhaften Fantasie zu werten. „Liebeswahn“ kommt hin und wieder auch bei so genannten Gesunden vor. Nicht nur im Inhalt, auch in der Form haben die Bilder-Briefe einen klaren Bezug zur Wirklichkeit: Die Anstalt Eglfing/Haar, die heute die Bezeichnung „Bezirkskrankenhaus Haar“ trägt, wurde nämlich im Jugendstil erbaut, d.h. Maria K. war durchaus in der Lage Wirklichkeit wahrzunehmen. Abschließend kann demnach gefragt werden: Was also war wirklich krank an Maria K.? Kenntnis der Diagnose allein verstellt den Blick, macht blind statt sehend und verleitet zu vorschnellen oberflächlichen Schlüssen. Dieser Gefahr wäre auch der Verfasser dieser Zeilen - fast – erlegen.

Bernd Koschorreck