Joseph Grebing

Für die Vorbereitung der ersten großen Ausstellung im Marstall 1980 kam ich vorübergehend von Wien nach Heidelberg. Ich war "überwältigt", so viele Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen in einem solch miserablen Zustand vorzufinden. Die Patienten hatten nicht die Möglichkeit gehabt, Zeichenpapiere und Farben einzukaufen. Sie hatten die Materialien verwendet, die ihnen gerade zur Verfügung standen: Aktenpapiere, billiges Schreibpapier, Toilettenpapier, alte Pappkartons und viele ungewöhnliche Papierträger. Selbst gemischte Deckfarben, die bei Berührung abbröckeln, Aquarelle, die bei geringster Feuchtigkeit auslaufen, Tuschen, die extrem schnell verblassen. Die Verwendung von Pflanzensäften, Kakao und Urin als Bindemittel stellten den Restaurator vor ungewöhnliche Herausforderungen.
Viele Aquarelle/Gouachen waren auf säurehaltigen Karton geklebt; mitten auf die Bildseite war ein Registrierstempel gedrückt worden und die Rückseite mit einem gelben Inventarschild versehen. Der Stempel bestand aus Anilinfarben, dem Schreck aller Restauratoren! Dieser Farbstoff läuft bei Feuchtigkeit aus und färbt Papier und Originalfarbe ein. Auf dem Schild standen Name, Fallnummer, Diagnose und Anstalt. Dieser Aufkleber hatte die Fähigkeit, den gelben Farbstoff bei Feuchtigkeit ins Original zu transportieren!
Das Ablösen der alten Materialien und die Konservierung waren aufregend. Wir mussten improvisieren und neue Ideen in die gängigen Restaurierungsmethoden einbringen.

Restaurierung und Entdeckung:
"Roma" von Josef Heinrich Grebing und die Entdeckung der "Luft-Arche"

Ein fantastisches Bild! Es lädt zum Spazieren, Verweilen im Kolosseum, Besuch des Amphitheaters oder der kühlen Katakomben in Rom ein. Der Mensch ist klein und umgeben von Architektur. Weit weg von Krankheit. Das Bild spiegelt die Sehnsucht nach Harmonie und Ordnung wider.
"Roma" war aufgeklebt, kaschiert, festgebunden auf einen säurehaltigen Karton, der Klebstoff war wasserlöslich, die Aquarellierfarben/Gouachefarben waren hochempfindlich und ebenfalls wasserlöslich. Mühselig entfernte ich den Karton mit verschiedenen Messern. Tagelang arbeitete ich mich Zentimeter für Zentimeter durch die letzte Schicht Papier. Plötzlich wurden Farben auf der Rückseite von "Roma" sichtbar! Ab diesem Zeitpunkt war die Aufregung groß. Was würde ich finden?
Langsam setzte sich ein Bild zusammen und wir entdeckten:
"Neu zu bauende Luft-Arche analog dem starren System der großherz. baadischen Zeppeline."

Ein imposantes Schiff, volle Kraft voraus! Etwas hinter sich lassen? Mit der Luft-Arche dem Neuen entgegenfliegen. Das Spüren von Wasser und Wind - es war eine wunderbare Entdeckung!

Gabi Tschudi, Restauratorin