Hyacinth Freiherr von Wieser

Das Blatt „Willenskurven“ zeigt zwanzig verschiedene Linienkonfigurationen in klarer, gleichmäßiger Anordnung. Ausgehend von einer einfachen Kreisform nehmen sie in fünf Reihen von links nach rechts an Komplexität zu. Dabei bleiben die meisten abstrakt, nur zwei lassen sich figürlich lesen. Durch die Ziffern, welche einzelne Schwünge, Kreuzungspunkte oder Richtungswechsel der Linien begleiten, sowie die zugesetzten Kombinationen aus Großbuchstaben, Planetennamen und Stenographiekürzeln entsteht der Eindruck einer methodischen Auswertung, Benennung und kosmologischen Zuordnung der Konfigurationen. Ihren okkulten Charakter unterstreicht die Warnung rechts oben: „Vorsicht für andere Gefährlich zu betrachten“. Sein Urheber fühlt sich im Besitz eines geheimen Wissens, das Uneingeweihten Schaden bringen kann.
Der Wiener Baron Hyacinth von Wieser (1883-?) war promovierter Jurist. Literarisch und wissenschaftlich begabt, hatte er in seiner Jugend Gedichte, Erzählungen und ein Drama geschrieben, später an einem soziologischen Werk „Über Zentralisation“ gearbeitet. Mit Anfang Zwanzig litt er zeitweise unter Depressionen. 1912 verweigerte er plötzlich jeglichen Umgang mit seinen Verwandten und blieb fünf Wochen lang im Bett. Wegen Halluzinationen, wirren Redens und Verfolgungsideen wurde er schließlich in eine psychiatrische Privat-Anstalt in München gebracht. Hier entstand ein umfangreiches Werk aus Zeichnungen und Texten, die sich vor allem mit seinen Vorstellungen über magische Zusammenhänge von Handlungen beschäftigen und die ein ausgeprägter Drang zur Systematisierung kennzeichnet. In seinen Ausführungen zur „Willologie“, denen noch weitere Blätter gewidmet sind, verfolgte er die Idee, dass sich charakteristische Formen menschlichen Willens in Kurvengebilde übersetzen lassen und umgekehrt: dass das Ablesen dieser Formen eine entsprechende Willensäußerung erzeugt. Das klingt zunächst wie eine geradezu prototypische „verrückte“ Vorstellung und mag amüsieren. Wirft man jedoch einen Blick auf den Zeitkontext im Jahre 1912, so stellt man fest, dass von Wiesers Ideen nicht allzu weit entfernt sind von zeitgleichen okkultistischen Ideen über die Sichtbarmachung von Auren und so genannten „Gedankenformen“, die damals große Popularität genossen. Unter anderem fanden sie Reflexe in Werken namhafter Künstler wie der späteren Bauhauslehrer Wassili Kandinski und Oskar Schlemmer.
So war es denn auch gerade die Zeichnung „Willenskurven“, die Schlemmer 1920 faszinierte, als Hans Prinzhorn sie zusammen mit anderen Werken der Heidelberger Sammlung bei einem Vortrag in Stuttgart zeigte. Dabei reizte ihn sicherlich nicht das Fremde, Skurrile daran, sondern gerade die Verwandtschaft mit seinem eigenen bildnerischen Denken. Tatsächlich haben einige zuvor entstandene Blätter Schlemmers mit Systematisierungen von choreographischen Figuren seiner abstrakten Ballette große Ähnlichkeit mit von Wiesers Zeichnung.

Thomas Röske