Emma Hauck

„Herzensschatzi komm“ - Der sehnsüchtige Ruf nach dem Geliebten könnte der Beginn eines Liebesbriefes sein. Doch die Lebenssituation von Emma Hauck, die hier ihrem Ehemann schreibt, entbehrt jeglicher Liebesromantik.
Am 7. Februar 1909 kommt die dreißigjährige Frau - Mutter eines vier- und eines zweijährigen Kindes - erstmals in die Psychiatrische Klinik Heidelberg. Nach einem Monat wird sie nach Hause entlassen, wo sich ihr Zustand schnell wieder verschlechtert. Am 15. Mai erfolgt die zweite Einlieferung in die Heidelberger Klinik. Hier bleibt sie bis zum 26. August, bis sie als 'unheilbar' in die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch (heute Landeskrankenhaus) überwiesen wird. Nahezu elf Jahre, den Rest ihres Lebens, verbringt Emma Hauck in der Wieslocher Anstalt, wo sie 1920 stirbt.

Ihre Briefe an den Ehemann entstanden während ihres zweiten Aufenthalts in der Heidelberger Klinik, von Mai bis August 1909. Die Krankenakte zu Emma Hauck berichtet, dass die Patientin ständig nach ihrem Mann frage und ihm schreiben wolle. Die Suche nach einer Verbindung zu ihrer bisherigen Lebenswelt, ihrem zu Hause, wird deutlich. Aber schon verliert sich die Sehnsucht im Sehnen selbst: Nach dem Verbleib ihrer Briefe - die nie zugestellt werden -, nach einer Verwirklichung der Sehnsucht nach ihrem Ehemann, einer realen Kontaktaufnahme, fragt Emma Hauck nicht mehr.

Auch sind die Briefe nicht wirklich auf Korrespondenz angelegt. Sie bestehen einzig aus den ständigen Wiederholungen der Wortfolgen „Herzensschatzi komm“ oder sind reduziert auf das alleinige Wort „komm, komm“. Anstatt einer konkreten Ansprache an ein Gegenüber verzeichnen die Wortfolgen ein Flehen um Hilfe und sind Ausdruck der Verlassenheit. Sie verdichten sich zu Wortanhäufungen, die jeweils die gesamte Fläche dieser kleinen Blätter ausfüllen. Mehrfache Überschreibungen lassen die Worte unleserlich werden. Es bilden sich Wortkolumnen, die den Blättern eine grafische Struktur verleihen, ein rhythmisches Vibrieren.
Die Entwicklung der Blattgestaltung bleibt spürbar: Das Ansetzen des Bleistifts, das Schreiben des ersten Wortes „komm“ - das anschließend keine weiteren Worte mehr zulässt, um die innere Not zu beschreiben. Das Verlieren des Bewusstseins, dem Mann schreiben zu wollen. In innere Welten abgesunken zieht der Bleistift über das Papier: „komm, komm, komm“. Es entstehen Formationen, die endgültig von der ursprünglichen Intention eines Briefes abweichen, die sich verselbständigen und nunmehr nach einer grafischen Lösung suchen - bis das Blatt vollgeschrieben ist.
Kaum leserlich und auf ein, zwei Worte reduziert hat Emma Hauck in ihren Briefen doch alles gesagt. Ungelesen verhallt ihr Ruf: „komm Herzensschatzi komm...“

Monika Jagfeld