Frau St.

Ein 2,69 m langes, unregelmäßig konturiertes Collageband, dessen Höhe zwischen wenigen Zentimetern und 19 cm schwankt, gehört wie das Jäckchen von Agnes Richter zu den besonderen Schätzen der Sammlung.
Es ist aus unendlich vielen kleinen viereckigen Papierstückchen zusammengeklebt, so daß eine geometrische Struktur der sonst eher amorph wirkenden Fläche Halt gibt. Dieser komplexe, an sich schon reizvolle Bildträger ist mit kleinen, aus Zeitungen ausgeschnittenen Abbildungen beidseitig übercollagiert und mit Deckfarbe, Bleistift und Tusche grafisch bearbeitet. Meist sind die zeichnerischen Elemente abstrakt, ornamental, wobei auch das ordnende Raster in Form eines Strichgitters wiederkehrt. Doch da und dort blickt uns plötzlich ein zartes, auf dem Hintergrund fast verschwindendes kindliches Gesicht an oder wir entdecken die feine Struktur einer farnähnlichen Pflanze. In rosamilchiger Farbigkeit ertrinken manche Stellen, andere sind klar durchgearbeitet. Insgesamt erinnert der wunderbar weich fließende Charakter des Bandes an eine verwahrloste südländische Fassade, an der die Vergangenheit in den abbröckelnden Schichten des Putzes ihre pastellenen Spuren hinterlassen hat. Dieses Band erstreckt sich in der Zeit, an beiden Enden unendlich fortsetzbar - Musik aus Papier. Schichtung und Öffnung bei starkem Abstraktionsgrad und nur wenigen figürlichen Andeutungen muten uns in hohem Maße modern an.
Dieses "Zeitband" entstand um 1890 in der Wiener Anstalt Oberdöbling, als die offizielle Kunst das Collagieren noch nicht entdeckt hatte - geschaffen von einer Frau, bei der nur die ersten zwei Buchstaben des Nachnamens verzeichnet sind - St. -und die Diagnose Schizophrenie. Inge Jádi, "Überlebenskunst weiblich", in: Silke Leopold, Agnes Speck (Hrsg.), Hysterie und Wahnsinn, Wunderhorn, Heidelberg 2000.

Inge Jádi

Aus: Inge Jádi, "Überlebenskunst weiblich", in: Silke Leopold, Agnes Speck (Hrsg.), Hysterie und Wahnsinn, Wunderhorn, Heidelberg 2000.