Barbara Suckfüll


„...schreibt, schreit, singt ohne Rast und Ruh.“

Lange hockt die ältere Frau am Tisch, schreibt und zeichnet mit raschen Bewegungen.
Plötzlich springt sie auf, läuft in magisch-rituellen Kreisen dreimal um ihren Platz herum, wirft ihr Kopftuch ab, um sich dann wieder in fast wütender Erregung über ihr Blatt zu beugen.
Sie skizziert ihr Essgeschirr, konturiert ihren Tisch aufs Blatt und füllt dann mit Akribie die verbleibende Fläche mit Worten.
Seit langer Zeit schon diktieren Telefonstimmen ihr Leben und flüstern ihr ein, was sie zu schreien, zu brüllen, zu schimpfen, zu zeichnen, zu schreiben und zu laufen hat.
Sie leidet darunter, möchte nichts mehr hören, legt sich ins Bett und stopft sich das eine Ohr mit Kissen zu. Aber es hilft nichts, die Stimmen kriechen in das andere hinein und es gibt kein Entweichen. Da die Telefonstimmen auch Befehle geben, andere zu schlagen und zu quälen, so wählen die ratlosen Ärzte für Barbara Suckfüll Dauerbad und Isolierung. Sie lebt seit 1907 in der Kreis-Irren-Anstalt Werneck.
50 Jahre lang wohnte Barbara Suckfüll in einem kleinen Dorf, galt als eine umsichtige und fleißige Bäuerin. Siebenmal hat sie geboren, 2 Kinder starben. Ratlos sieht ihr Mann zu, wie sich seine Frau verändert. Sie arbeitet nur noch unregelmäßig, prozessiert, schreit und tobt, manchmal tanzt sie auch. Ihr Mann, ein Bauer mit einem verschuldeten Hauswesen, konnte das Geld für die offensichtlich notwendige Behandlung nicht aufbringen. Erst als sie durch ihre sich steigernde Erregung als gemeingefährlich betrachtet wurde, überführen Polizisten sie mit List in die Anstalt.
Jahrelang berichtet die Krankenakte von ihrem uneinsichtigen, aufsässigen,“gänzlich unbelehrbaren“ und widerständigen Wesen. Ihr fast zahnloser Mund schleudert zornige Kritik, Hasstiraden gegen das Pflegepersonal, Forderungen nach besserem Essen und eine unaufhaltsame Flut von Worten. Sie verabscheut die Anstaltskleidung, trägt nur ihre alten verschlissenen Kleider und ausschließlich schwarze Strümpfe, weigert sich die Leibwäsche zu wechseln, sie gibt die ihr zugeteilte Bettwäsche zurück. Gefügig ist sie in keiner Weise.
Bald nach ihrer Einweisung beginnt das Schreiben: “Geben sie mir Papier, so viel sie wollen, ich schreib alles voll, ich brauch mich gar nicht zu besinnen u. anzustrengen, das läuft mit alles nur so in die Feder, die Stimme sagt mir alles was ich schreiben soll u. ich brauch nur die Feder einzutunken u. zu schreiben...“
Die Krankenakte beinhaltet Notizen, dass sie jeden Tag 4 Seiten „Conzeptpapier“ füllt und vermerkt auch da schon die Eigenheit ihrer Interpunktion: jedes Wort wird mit einem Grossbuchstaben begonnen und vom nächsten mit einem Punkt getrennt.
Gleich einem Blitzableiter lässt die Feder die Befehle der Telefonstimmen aufs Papier fließen und es scheint, als sei das Staccato ihrer Satzzeichen eine Reihung von Haltepunkten inmitten der raschen Wortschnellen.
1911 finden Zeichnungen, die sie mit großer Gewissenhaftigkeit anfertigt, erste Erwähnung in den Unterlagen.
Der Arzt notiert im November 1912: “Malt und zeichnet die Konturen ihres Essens, des Essgeschirrs, schreibt dann das ganze Papier kreuz u. quer voll, heftet die einzelnen Blätter zusammen und überreicht es dem Arzte. Sie glaubt, damit eine wertvolle Arbeit geleistet zu haben, verlangt auch dementsprechend eine hohe Geldsumme für diese Arbeit.“
Im 13. Jahr ihrer Anstaltszeit tritt eine gewisse Beruhigung ein und Frau Suckfüll kann verschiedene Arbeiten in der Gemüseküche und auf der Abteilung übernehmen.
1928 darf sie in äußere Fürsorge in ihren Heimatort entlassen werden. Dort lebt sie in einem Zimmer in der Kinderbewahranstalt unter Aufsicht einer Schwester.
Die letzte Nachricht von Frau Suckfüll findet sich in einem Bericht über einen Hausbesuch bei ihr. Der Arzt notiert 1934, dass sie sich jetzt geistig wohl und frei fühle.
Die Arbeiten Barbara Suckfülls beeindrucken den Betrachter durch ihre überraschende ästhetische Spannung, die aus der Berührung und Verschmelzung von Text und zeichnerischer Mitteilung erwächst. Die Schrift fügt sich den Linienzügen und die Linie lässt sich von Schriftzügen stützen, umsäumen und bereichern.
Gleich einem Gerüst fungieren die schlichten Dinge des häuslichen Lebens: der Löffel, der Teller, die Tasse und das Essen. Diesen berührbaren Alltag fluten Worte, die nicht zu dämmen sind, an. Mag sein, dass Punkte zu Ruheinseln werden können.
Interessant ist, dass auch die moderne Kunst die Grenzen der einzelnen Medien auflöst und damit, die Verflechtung von Wort, Zeichen und Linie zu einer komplexeren ästhetischen Form als Ausdruck neu gefundener und empfundener Inhalte ermöglicht
Der Skriptualismus hebt, in diesem Falle bewusst, die Schranke zwischen bildlicher und sprachlicher Information auf und fordert das Zusammenfließen beider ausdrücklich als Gestaltungsmittel an, um bisher Unsichtbares erscheinen zu lassen.
Sprachblätter sind Nachrichten aus den Grenzzonen menschlichen Erlebens.

Sabine Hohnholz