Agnes Richter


Eine Jacke, aus grobem grauen Leinen, wie es für Anstaltskleidung verwendet wurde, ist über und über mit farbigem Garn bestickt. Kragen und Schulter sind mit braunem Stoff abgesetzt. Das Jäckchen ist nach einer zierlichen weiblichen Körperform bemessen. Die Außenseite der Ärmel wurde an die Innenseite des Leibchens genäht, so dass keine konsistente Innen- und Außenform besteht. In einem ‚allover' durchzieht das farbige Garn das Leinen und gibt an der Oberfläche deutlich zu erkennen, dass es sich um Schrift handelt. Auf den Ärmeln ist die Schrift außen lesbar. Sonst ist sie nur innen zu lesen, nah an der Haut. Es ist schwierig, einen Anfangspunkt des Textes und eine Leserichtung zu identifizieren oder auch nur klar die Zeilen auseinander zu halten. Einzelne Wörter lassen sich leicht lesen. Immer wieder markieren "Ich" oder "Mein" den Beginn eines neuen Satzes. So lässt sich auf dem linken Ärmel lesen: "Meine Jacke", und "durch meine weißen Strümpfe / meine Strümpfe sein 11", oder innen oben links: "Mein Kleid", mittig: "meine Jacke ist", oder unten rechts: "Ich bin nicht in den", und "Ich bin in Hubertusburg / Parterre", darunter so etwas wie eine Signatur: "95 A. D. / A. I. B.", aus der hervorgeht, dass Richter die Jacke 1895 fertig gestellt hat. An die Jacke geheftet wurde ein Zettel mit folgender Aufschrift: "Nähte in alle Wäsche und Kleidungstücke Erinnerungen aus ihrem Leben." Die vielen gestickten Daten bestätigen dies, so heißt es zum Beispiel an der Innenseite des linken Seitenzwickels: "19. Juni 73 geb." Die wenigen lesbaren Wörter machen neugierig. Wer war Agnes Richter? "Kinder" steht an einer Stelle. Hatte sie Kinder? "Meine Schwester" und "Bruder Freiheit?" offenbaren, dass sie Geschwister hatte. Von "Forschung" und von einer "Köchin" ist die Rede. Was war ihr wichtig? "Kirschen" und an anderer Stelle "keine Kirschen"; und dann die stetigen Bezüge auf Kleidungsstücke. Sehr persönliche Dinge werden hier auf die zweite Haut übertragen. Dennoch bleiben Agnes Richter und ihre Geschichte verborgen in dem schwer lesbaren unablässigen Fluss von auf und abtauchendem Garn. Der Faden durchzieht den Stoff wie der Ariadnefaden das Labyrinth. In der griechischen Mythologie war Ariadnes Faden die Rettung aus dem Labyrinth, Garant für das Überleben und die Rückkehr in die Gesellschaft. Welche Funktion kommt dem sich einschreibenden Faden dieser Jacke zu?


Zu bezweifeln ist, dass die gestickten Wörter nur auf Vergangenes verweisen. Die Häufigkeit des identitätsbezeichnenden Wortes ‚Ich' und der Possessivpronomina deutet eine andere Auseinandersetzung an. Gisela Steinlechner deutet Sprache - das geschriebene bzw. gestickte Wort - als strukturgebend. Anzufügen ist, dass die strukturgebende Funktion des Schreibens von grundsätzlicher Natur ist, also jegliches Erleben strukturiert, Halt verleiht, Distanz ermöglicht, ebenso wie eine Selbstvergewisserung und Verortung. Das Erleben bezieht sich auf die Gegenwart, und so ist auch das wiederholte stickende Schreiben von "Ich" und "Mein" auf die Gegenwart des Schreibens zu beziehen, an einer Stelle deutet ein lesbares "dich" überdies auf einen imaginierten Adressaten des Schreibens. Das Schreiben ist sogar auf die Gegenwart des Verfertigens dieser Jacke bezogen (ebenfalls innen ist zu lesen: "Meine Jacke ist", an anderer Stelle: "1894 Ich bin / Ich heute Fräulein"). Diese Gegenwart ist erfüllt von einer Tätigkeit. Sie ist Gegenpol zum Anstaltsalltag, der durch seine entwürdigenden Situationen, Eingriffe in die Intimsphäre, durch den Verlust der persönlichen Dinge, der eigenen Kleidung zu Selbstentwertung und Identitätsverlust führt. Agnes Richter stickt dagegen "Ich", "Ich bin", "Ich habe". Sie stickt diese Wörter und sie trägt sie auf der Haut, mehr zur Selbstvergewisserung als zur Demonstration. Beleg ist die Verkehrung der Innen- und Außenseiten des Jäckchens, so dass die Schrift im Inneren geborgen bleibt. Auf der Außenseite des Ärmels findet sich das Wort "Anstaltsärzten." Bleibt der Zusammenhang auch verborgen, so ist dies doch bezeichnend.


Die demonstrative Nutzung weiblicher Handarbeitstechniken zur Vergewisserung der eigenen Existenz ist eine Strategie, die insbesondere in der zeitgenössischen Kunst Verwendung findet. Agnes Richter schuf ein dichtes Textgewebe, das sie kleidet. Es hat die Funktion, etwas zu zeigen und sichtbar zu machen, zu schmücken, aber auch zu schützen, das drohende Verschwinden von Identität abzuwehren. Die Jacke von Agnes Richter ist außergewöhnlich, eben keine Anstaltsjacke. Damit setzt Agnes Richter ein Zeichen, bewahrt sich eine Identität: Sie ist anders, sie ist eigen und besonders. Dennoch tritt die Zahl 583 - die Nummer mit der ihre Wäsche für die Wäscherei gekennzeichnet wurde - nicht nur gestempelt, sondern eigenhändig gestickt überall auf der Jacke hervor. Offensichtlich gehört zur Wahrung der Identität in der Anstalt auch, das Stigma anzunehmen, eine Nummer zu sein: 583 in Hubertusburg.


Viola Michely