Ungesehen und unerhört

Künstlerische Reflexe auf die Sammlung Prinzhorn

Die Sammlung Prinzhorn ist weltberühmt für ihre bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichende Sammlung künstlerischer Werke aus dem psychiatrischen Kontext. Sie gilt als Vorbild für andere Sammlungen dieser Art und leistet Pionierarbeit in der Auseinandersetzung mit so genannter Outsider Art. Das Projekt Ungesehen und unerhört zeigt künstlerische Reaktionen auf die Sammlung Prinzhorn: Die international renommierten Videokünstler Javier Téllez sowie Mauricio Dias & Walter Riedweg nehmen Werke aus der Sammlung als Anregung. Die entstehenden Videoinstallationen werden zusammen mit den Werken zu sehen sein, auf die sie sich beziehen. Ein zweiter Teil des Projektes ist die Einstudierung und Aufführung von zeitgenössischen Kompositionen, die angeregt von Texten oder Bildern der Sammlung Prinzhorn in den letzten Jahren entstanden sind. Die Werke werden – teils erstmalig – zu Gehör gebracht vom Heidelberger Ensemble KlangForum unter Leitung von Walter Nußbaum. Der dritte Teil des Projektes ist eine zweibändige Publikation, die im Oktober 2012 erscheinen soll. Sie dokumentiert und erläutert künstlerischen Reaktionen auf die Sammlung Prinzhorn in den Gebieten Bildende Kunst, Literatur, Film und Musik seit dem 1. Weltkrieg bis heute.

Künstlerische Leitung: Thomas Röske und Ingrid von Beyme 

Künstler: Mauricio Dias & Walter Riedweg (BR), Javier Téllez (US) und Walter Nußbaum

Ungesehen und unerhört II

Rotations

Videoinstallation zu Werken der Sammlung Prinzhorn von

Javier Téllez

25. Oktober 2012 – 10. Februar 2013

Eröffnung: 24. Oktober 2012, 19 Uhr (der Künstler ist anwesend)

 

Tellez' Projekt für die Prinzhorn Sammlung, Rotation, 2011, beruht auf seinem langen Interesses an der Rolle der Außenseiter-Kunst im Diskurs der Hauptströmungen der Moderne. Hier gibt es keine direkte Kollaboration mit Psychiatrieerfahrenen. Stattdessen gibt der Künstler Einblick in den Missbrauch der Sammlung in der Zeit des Nationalsozialismus.

Tellez drehte zwei 35mm Stummfilme von 7 Minuten, die als Schleife von zwei Kinoprojektoren auf zwei Leinwände projiziert werden. Sie zeigen jeweils eine sich drehende Plastik, teils in Gänze, teils in Ausschnitten. Die eine Plastik ist Prometheus (1937) von Arno Breker, eine monumentale Bronze in Überlebensgröße. Die andere ist Weib und Mann oder Adam und Eva, auch bekannt als 'Zwitter', (um 1920) von Karl Genzel, eine kleine hermaphroditische Figur der Sammlung Prinzhorn, ungefähr 30 cm hoch, eine Uhr/Sonne in der erhobenen Hand haltend. Beide Plastiken wurden zeitlich benachbart auf Ausstellungen der Nationalsozialisten gezeigt, die eine wurde für die „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1937 in München hergestellt, die andere war von 1938 bis 1940 Teil der Wanderausstellung „Entartete Kunst“.

Auf verblüffend einfache und eindringliche Weise macht Téllez hier den Kontrast zweier grundverschiedener Menschenbilder in der Zeit des Nationalsozialismus deutlich.

Umgeben ist die Doppelprojektion von denjenigen Werken der Sammlung Prinzhorn, die nachweislich in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen waren.